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Denkanstöße: Wie (un)ethisch ist Hirn-Doping?

November 8th, 2009 · Keine Kommentare

Die Frage, ob und wie pharmazeutische Mittel unserem Hirn und/oder unserer Seele auf die Sprünge helfen können oder dürfen, ist für die Zukunft unserer Gesellschaft weitaus relevanter, aber auch deutlich komplexer als die Diskussion über Doping im Bereich des Sports. Während es zu Doping im Sport (noch) eine relative weitgehende gesellschaftliche Übereinkunft gibt, dieses als betrügerische Manipulation anzusehen, stellt sich die ethische Einordnung bei dem, was gemeinhin als Gehirndoping bezeichnet wird, sehr viel schwieriger dar. Viele, die sich auf diesem Gebiet beschäftigen, bevorzugen daher den Begriff des Neuro-Enhancements (NE), weil sie ihn für neutraler halten.

Ich habe mich erstmals 2007 in dem Artikel “Dem Hirn Beine machen” mit diesem sehr interessanten Thema beschäftigt. Seither fällt mir auf, dass die öffentliche Wahrnehmung deutlich gewachsen ist. Differenzierte Auseinandersetzungen mit NE sind aber immer noch rar – wohl auch, weil das Thema hochkomplex und gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse nur spärlich gesät sind. Zur allgemeinen Beruhigung sei gesagt, dass die aktuellen Möglichkeiten von NE in der Öffentlichkeit derzeit eher über- als unterschätzt werden. Tatsächlich zeigt sich bei nüchterner Betrachtung, dass der Einsatz von Psychopharmaka bei gesunden Menschen zum Zwecke des “Hirn-Dopings” objektiv gesehen bislang kaum spektakuläre Ergebnisse bringt. Im Zuge der rasenden Entwicklung bei der Erforschung unseres Gehirns und Nervensystems könnte sich das aber rasch ändern. Und man darf davon ausgehen, dass die Pharmaindustrie auf diesem Feld bereits mit den Hufen scharrt, das sich womöglich einmal als überaus lukrativ erweisen könnte.

Sehr lesenswerte Denkanstöße zu dem Thema bietet nun ein sogenanntes Memorandum unter dem Titel “Das optimierte Gehirn”. Eine Gruppe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen hat sich vor allem mit ethischen Fragestellungen von NE beschäftigt. Das Memorandum ist als pdf-Dokument online zugänglich und kann nur jedem zur Lektüre empfohlen werden, der sich für das Thema interessiert. Ebenso die auf Scilogs dazu erschienenen Diskussionsbeiträge. Denn das Memorandum regt durchaus zur Debatte und auch zum Widerspruch an.

Auffällig ist nämlich die grundsätzliche positive Sicht der Autoren auf dieses Thema:

Wir vertreten die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt. Vielmehr sehen wir im pharmazeutischen Neuro-Enhancement die Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln.

Das wirkt ein wenig schizophren angesicht der im Text genannten Einwände gegenüber NE. Darin liegt übrigens auch die Stärke des Memorandums, dass es kompakt die gängigen Bedenken gegenüber NE aufführt. Bei der Bewertung kann man allerdings geteilter Meinung sein. Ein wichtiger Kritikpunkt etwa ist die Gefahr einer Verschärfung sozialer Ungleichheiten durch NE. Die Autoren des Memorandums geben ganz richtig zu Bedenken:

Für viele dürfte das Hauptmotiv für die Einnahme von NEPs das Ringen um Vorteile in der Schule, im Examen oder im Job sein – auch wenn solche Vorsprünge nivelliert würden, falls irgendwann jeder die Pillen nähme. Diejenigen, die den neuen Möglichkeiten skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, könnten sich in dem Dilemma finden, Neuro-Enhancement entweder zähneknirschend zu akzeptieren oder aber sich, ebenfalls ähneknirschend, mit Nachteilen im sozialen Wettbewerb abzufinden.

Wenn das kein “grundsätzlicher Einwand” ist – was dann? Insgesamt also empfiehlt es sich, wie gesagt, die Folgediskussion ebenfalls in Augenschein zu nehmen, besonders empfehlenswert ist der Beitrag von Stephan Schlein “Hoch oben im Elfenbeinturm”.

Tags: Allgemein

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