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Fünf Tipps für bessere Fotos – Tipp 1: Gehe näher ran

April 16th, 2010 · 2 Kommentare

Gute Fotos erfordern eine ganze Portion fotografisches Können, sehr gute (oder gar geniale) Fotos sind eine Kunst. Für bessere Fotos aber reicht es oft aus, ein paar grundlegende Regeln zu beachten. Im folgenden soll es um die nach meiner Erfahrung fünf wichtigsten Tipps gehen, die man beim Fotografieren beherzigen sollte. Als da wären:

  1. Gehe näher ran
  2. Achte auf die Schärfe
  3. Beobachte das Licht
  4. Bewege Dich
  5. Mache Dich mit Deiner Technik vertraut

Vorbemerkung 1: Auf Flickr habe ich eine Galerie angelegt, die mithilfe ausgewählter Fotos die nachfolgenden Erläuterungen praktisch zu illustrieren versucht.

Vorbemerkung 2: Ich habe versucht, bei den Tipps eine gewisse Hierarchie herzustellen. D.h. ich halte den ersten Tipp für wichtiger als den fünften. Auch innerhalb der Erläuterungen versuche ich, das Wichtigste gleich zu Beginn bekannt zu geben und erst dann ins Detail zu gehen. Wem das zuviel wird, liest dann einfach beim nächsten Tipp weiter.

Vorbemerkung 3: Keine Regel ohne Ausnahme – es gibt großartige Fotos,  die genau deshalb so großartig sind, weil sie eine (seltener auch mehrere) dieser Grundregeln brechen. Doch auch beim Fotografieren gilt die Binsenweisheit: Man muss die Regeln kennen (und beherrschen), um sie sinnvoll brechen zu können. Wer sich an die Regeln hält, hat gute Chancen ordentliche Bilder zu machen. Wer es (aus Unwissenheit oder Faulheit) nicht tut, hat eine minimale Chance, etwas Geniales zu erschaffen – und wird, falls er diesen Glückstreffer überhaupt jemals landet, bis dahin eine Menge Müll produzieren.

Vorbemerkung 4: Obwohl die meisten der folgenden Ausführungen auch für die analoge Fotografie gelten, gehe ich davon aus, dass der geneigte Leser / die geneigte Leserin mit einer Digitalkamera unterwegs ist. Wer heute noch analog fotografiert, braucht eigentlich nicht weiter zu lesen: Denn er ist entweder so desinteressiert am Thema Fotografie, dass er (mit seiner veralteten Ausrüstung) nicht mal den geringsten Ehrgeiz für bessere Bildern entwickelt. Oder er ist ein derart mit allen Wassern der Lichtbildkunst gewaschener Freak, dass er (mit seiner exquisiten Puristen-Ausrüstung) bereits alle Kniffe kennt und meine Ausführungen für ihn daher längst kalter Kaffee sind.

Vorbemerkung 5: Ansonsten aber ist es völlig gleich, ob Sie mit einer preiswerten Kompakt- oder mit einer profimäßigen Spiegelreflexkamera (oder irgendwas dazwischen) unterwegs sind. Ordentliche Bilder (will sagen: bessere) können Sie heutzutage mit fast jeder Technik machen. Auf die Eigenheiten der jeweiligen Kamera-Technologien werde ich hier und da noch genauer eingehen.

Vorbemerkung 6: Die fünf Tipps habe ich in der Du-Form formuliert – das klingt knackiger. Ansonsten aber rede ich meine Leser lieber in der Höflichkeitsform an – das will ich auch hier so halten.

Jetzt aber los.

Gehe näher ran

Zugegeben: Das ist vermutlich der am häufigsten zu hörende Ratschlag in der Fotografie. Merkwürdig nur, dass er – wie ein Blick auf die meisten Bildersammlungen beweist – weiterhin in großem Stil missachtet wird. “Wenn Deine Aufnahme nicht gut genug ist, warst Du nicht nah genug dran.” Der berühmte Ausspruch der Fotografen-Legende Robert Capa trifft den Nagel auf den Kopf. Aber warum eigentlich ist Nähe für ein gutes Resultat so wichtig? Der Grund dafür ist einfach: Jedes gute Foto hat eine klare Aussage. Das ist mal eine Regel, von der es keine Ausnahme gibt. Gemeint ist nicht, dass man auf jedem Foto erkennen muss, was dort abgebildet ist. Es gibt großartige Bilder mit abstrakten Motiven. Eine klare Aussage – in welche Richtung auch immer – aber haben auch die. Und als Faustregel gilt: Je näher ich an dem zentralen Element meiner Bildaussage dran bin (was auch immer das sein soll), desto klarer kann ich diese Bildaussage rüberbringen.

Die meisten Fotos leiden darunter, dass auf ihnen viel zu viele Dinge zu sehen sind, die im Grunde nichts zur zentralen Bildaussage beizutragen haben. Sie wollten das putzige Eichhörnchen mit den niedlichen schwarzen Knopfaugen und dem flauschig-prächtigen Schwanz aufs Bild bannen? Warum ist dann auf 95 Prozent der Fotofläche grüne Wiese zu sehen und nur klein in der Mitte so ein rotbrauner Fleck?  Bedenken Sie: Der Tipp lautet nicht, nahe ran zu gehen, sondern näher! Selbst wenn Sie schon ein fortgeschrittener Fotograf sind, als Anfänger oder Hobby-Knipser sowieso: Wenn Sie denken, Sie sind nah genug dran, sind Sie höchstwahrscheinlich immer noch zu weit weg. Sie wollen bei der großen Familienfeier einen Eindruck vom leckeren Festtagsbraten festhalten? Fotografieren Sie nicht die lange Tafel mit all den Essern drum rum (oder meinetwegen tun Sie es, aber hören Sie damit nicht auf). Begnügen Sie sich auch nicht damit, den Teller samt dem edlen Silberbesteck abzulichten. Gehen Sie so nah ran, dass Ihre Linse fast in der duftenden, blubbernden Sauce hängt, dass die knusprige Kruste des herrlich gebratenen Fleisches ihren Sucher füllt. Denn die Bildaussage soll doch klar sein – also ran an den Braten.

Woran liegt es eigentlich, dass wir tendenziell (fast) immer mit unserer Kamera zu weit weg sind? Von technischen (zu kurze Brennweite) und psychologischen (zu große Schüchternheit) Gründen einmal abgesehen, spielt uns die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns hier oft einen Streich. Besonders gut lässt sich das bei Tieraufnahmen beobachten. Auf der Wiese hinter Ihrem Haus ist ein Specht gelandet. Sie betrachten ihn mit Ihren Augen, und obwohl diese eine feste Brennweite haben, zoomt ihr Gehirn sozusagen zu dem Specht hin. Ihre Aufmerksamkeit konzentriert sich voll auf den Vogel, so dass Sie das Gefühl haben, ihm ganz nahe zu sein. Wenn sie diesen Eindruck auf ein Foto bannen wollen, erleben viele Fotografen oft eine herbe Enttäuschung: Der Specht ist auf dem Bild kaum zu erkennen. Kein Wunder: Die Kamera hat kein Gehirn, sie kann nicht mit Aufmerksamkeit zoomen, sie bildet einfach nur ab.

Ganz generell gibt es in der Fotografie drei Möglichkeiten näher ranzugehen. Zwei akzeptable (mit jeweils spezifischen Vor- und Nachteilen), und eine, auf die man möglichst nur im Notfall zurückgreifen sollte. Die erste (akzeptable, meist sogar sehr ratsame) Vorgehensweise ist die, den Ratschlag wortwörtlich zu nehmen: Man geht näher ran – meist mit Hilfe seiner Beine oder anderer passender Fortbewegungsmittel. Das sollte man eigentlich fast immer versuchen, denn in der Regel wird jeder Meter (oft sogar jeder Zentimeter), der weniger zwischen Ihnen und dem Objekt Ihrer fotografischen Begierde liegt, dem Resultat zugute kommen. Bei dieser Methode gibt es freilich Grenzen: Wenn zwischen Ihnen und Ihrem Motiv eine tiefe Schlucht oder ein reißender Fluss liegt, haben Sie vermutlich ein Problem. Auch (das muss ich leider selbst immer wieder erfahren), wenn Sie ein eher schüchterner Typ sind und Sie andere Menschen fotografieren wollen und dabei doch irgendwie Skrupel haben, denen Ihr Objektiv direkt vor die Nase zu halten. Schließlich kann es, wenn Sie mit einem Weitwinkel-Objektiv (kurze Brennweite) unterwegs sind, zu unschönen Verzerrungen kommen, wenn Sie zu nah ran gehen. In diesem Fall aber ist ein Versuch auf alle Fälle ratsam, ob diese Verzerrungen wirklich so schlimm sind, wie oft behauptet. Es gibt sogenannte Foto-Experten die raten, unter keinen Umständen eine Porträtaufnahme mit einem Weitwinkel-Objektiv zu machen. Ich halte das für unsinnigen Dogmatismus, es gibt jede Menge gelungener Gegenbeispiele zu dieser Regel. Machen Sie am besten Ihre eigenen Erfahrungen.

Die zweite, akzeptable Möglichkeit näher ran zu gehen, ist die, eine lange Brennweite, also ein sogenanntes Tele-Objektiv zu verwenden. Auch wenn Sie “nur” eine Kompaktkamera haben, stehen die Chancen gut, dass das eingebaute Zoom in den Tele-Bereich zumindest ansatzweise hineinreicht. Ein Tele holt Ihnen mit Hilfe der Optik Ihr Motiv näher ran, ohne dass Sie sich bewegen müssten. Dass ist sehr praktisch, um etwa die oben beschriebenen Probleme (Schlucht, Schüchternheit) lösen zu können. Andererseits liegt darin auch die Gefahr: Sie sollten nicht der Versuchung erliegen, ein Tele nur aus Bewegungsfaulheit heraus zu nutzen. Denn ob Sie Ihrem Motiv mit Hilfe einer solchen Linse näher kommen oder indem Sie ihm tatsächlich entgegen gehen, macht im jeweiligen fotografischen Endresultat einen sehr großen Unterschied. Tele-Objektive haben die Eigenart, dass Sie nur einen relativ kleinen Bereich zwischen Vorder- und Hintergrund scharf abbilden (Stichwort Schärfentiefe – siehe Tipp 2) und dass sie die Objekte in der Tiefe des Raumes zusammenrücken. Beide Eigenschaften führen, wenn mit Bedacht eingesetzt, sehr häufig zu hervorragenden Resultaten, aber sie sind eben auch nicht immer gewollt.

Also nochmals: Ihr Bild wird ganz anders wirken – je nachdem, ob Sie es mit einer Brennweite von 35, 50 oder 200 mm Brennweite aufgenommen haben, auch wenn die Größe des abgebildeten Motivs (aufgrund körperlicher Bewegung) jeweils gleich ist. Vor allem bei Spiegelreflexkameras sind noch zwei weitere Einschränkungen von Teles zu bedenken. Sehr häufig (es sei, denn Sie können ein paar Tausender für ein Superobjektiv hinblättern) haben sie eine geringere Lichtstärke (d.h. bei weniger Licht werden Aufnahmen schwierig bis unmöglich). Und es kann heikel werden (wiederum vor allem bei schwierigen Lichtverhältnissen), eine Kamera mit Tele so ruhig zu halten, dass die Aufnahme nicht verwackelt. Abhilfe kann hier ein Stativ schaffen.

Noch eine wichtige Anmerkung zur Kamera-Technik: Viele Kompaktkameras haben ein so genanntes Digital-Zoom, dass den Tele-Bereich erweitert. Sollten Sie dieses Feature bei Ihrer Kamera haben, prüfen Sie nach, ob es eingeschaltet ist – und wenn ja, schalten Sie es aus. Lassen Sie die Finger vom Digital-Zoom. Das ist Bullshit – Sie wollen schließlich bessere Fotos machen.

Die dritte und weniger empfehlenswerte Möglichkeit näher ran zu gehen, ist nachträglich mit einer Bildbearbeitungs-Software den Ausschnitt zu verkleinern. Das Hauptproblem dabei ist, dass Sie so Ihre Bildauflösung verringern. Wenn Sie viel abschneiden, kann es sogar bei Fotos von einer Kamera mit vielen Mega-Pixeln Auflösung dazu führen, dass Sie für einen gescheiten Ausdruck Probleme bekommen. Generell sollte man es vermeiden (von kleinen Ausschnitt-Korrekturen mal abgesehen), Bilddaten einfach “wegzuschmeißen” – das kratzt auch irgendwie am Fotografen-Stolz. Auf keinen Fall sollten Sie auf die beiden anderen Möglichkeiten des Näherrangehens verzichten, nur weil Sie bei der Aufnahme schon denken: “Ach, das kann ich ja hinterher rausschneiden.” Hin und wieder aber wird es für ein gutes Foto doch mal nötig sein, zur virtuellen Schere zu greifen – dann tun Sie es. Es gibt Experten, die halten jedes Beschneiden eines Fotos für ein Sakrileg. Ich sehe das entspannter. Wenn Ihr Bild am Ende dadurch besser wird …

Tags: Allgemein

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Wioleta // Jul 7, 2010 at 11:28

    interessanter Artikel! Wenn du diesen Artikel in dem Photoshop Magazin (auf der Seite: http://photoshop-magazin.net/) veröffentlichen möchtest, sag Bescheid! Der Artikel wird in Newsletter publiziert. Dieser Newsletter erhalten 20 000 Benutzer. Es wäre toll, wenn die anderen von deiner Arbeit erfahren könnten. Lass den anderen die Ergebnisse deiner Arbeit sehen!!

  • 2 Hermann // Jan 3, 2011 at 21:06

    Hallo,
    wirklich interessanter Artikel, aber Format füllend fotografieren noch dazu mit offener Blende – will gelernt sein – aber die Ergebnisse sind in der Regel super, wenn man die guten und fachlich gefassten Ratschläge, wie hier beachtet.

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