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Weblog von Alexander Huber

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Fünf Tipps für bessere Fotos – Tipp 2: Achte auf die Schärfe

April 19th, 2010 · 1 Kommentar

Gute Fotos erfordern eine ganze Portion fotografisches Können, sehr gute (oder gar geniale) Fotos sind eine Kunst. Für bessere Fotos aber reicht es oft aus, ein paar grundlegende Regeln zu beachten. Im folgenden soll es um die nach meiner Erfahrung fünf wichtigsten Tipps gehen, die man beim Fotografieren beherzigen sollte. Als da wären:

  1. Gehe näher ran
  2. Achte auf die Schärfe
  3. Beobachte das Licht
  4. Bewege Dich
  5. Mache Dich mit Deiner Technik vertraut

Vorbemerkung 1: Auf Flickr habe ich eine Galerie angelegt, die mithilfe ausgewählter Fotos die nachfolgenden Erläuterungen praktisch zu illustrieren versucht.

Vorbemerkung 2: Ich habe versucht, bei den Tipps eine gewisse Hierarchie herzustellen. D.h. ich halte den ersten Tipp für wichtiger als den fünften. Auch innerhalb der Erläuterungen versuche ich, das Wichtigste gleich zu Beginn bekannt zu geben und erst dann ins Detail zu gehen. Wem das zuviel wird, liest dann einfach beim nächsten Tipp weiter.

Vorbemerkung 3: Keine Regel ohne Ausnahme – es gibt großartige Fotos,  die genau deshalb so großartig sind, weil sie eine (seltener auch mehrere) dieser Grundregeln brechen. Doch auch beim Fotografieren gilt die Binsenweisheit: Man muss die Regeln kennen (und beherrschen), um sie sinnvoll brechen zu können. Wer sich an die Regeln hält, hat gute Chancen ordentliche Bilder zu machen. Wer es (aus Unwissenheit oder Faulheit) nicht tut, hat eine minimale Chance, etwas Geniales zu erschaffen – und wird, falls er diesen Glückstreffer überhaupt jemals landet, bis dahin eine Menge Müll produzieren.

Vorbemerkung 4: Obwohl die meisten der folgenden Ausführungen auch für die analoge Fotografie gelten, gehe ich davon aus, dass der geneigte Leser / die geneigte Leserin mit einer Digitalkamera unterwegs ist. Wer heute noch analog fotografiert, braucht eigentlich nicht weiter zu lesen: Denn er ist entweder so desinteressiert am Thema Fotografie, dass er (mit seiner veralteten Ausrüstung) nicht mal den geringsten Ehrgeiz für bessere Bildern entwickelt. Oder er ist ein derart mit allen Wassern der Lichtbildkunst gewaschener Freak, dass er (mit seiner exquisiten Puristen-Ausrüstung) bereits alle Kniffe kennt und meine Ausführungen für ihn daher längst kalter Kaffee sind.

Vorbemerkung 5: Ansonsten aber ist es völlig gleich, ob Sie mit einer preiswerten Kompakt- oder mit einer profimäßigen Spiegelreflexkamera (oder irgendwas dazwischen) unterwegs sind. Ordentliche Bilder (will sagen: bessere) können Sie heutzutage mit fast jeder Technik machen. Auf die Eigenheiten der jeweiligen Kamera-Technologien werde ich hier und da noch genauer eingehen.

Vorbemerkung 6: Die fünf Tipps habe ich in der Du-Form formuliert – das klingt knackiger. Ansonsten aber rede ich meine Leser lieber in der Höflichkeitsform an – das will ich auch hier so halten.

Jetzt aber endlich weiter mit dem zweiten Tipp.

Achte auf die Schärfe

Die unbequeme Wahrheit zuerst: Das Motiv kann super sein, das Licht traumhaft, wunderbare Farben und ausgeklügelte Bildgestaltung – wenn das Foto an den entscheidenden Stellen unscharf ist, kann man es eigentlich nur in die Tonne treten. Selbst absolute Foto-Laien stören sich an unscharfen Bildern. Will heißen: Die richtige Schärfe entscheidet über das Wohl und Wehe eines Fotos. Wenn Sie – selbstkritisch wie Sie sind – meinen, dass Sie in Ihrer Fotografiekunst an mehreren Stellen Verbesserungsbedarf haben, und das Thema Schärfen ist eine davon, dann sollten Sie diese Baustelle definitiv als erste angehen. (Aufmerksame Leser werden im ersten Satz vermutlich schon den kritischen Punkt erkannt haben, nämlich die Formulierung “an den entscheidenden Stellen” – ich komme später darauf zurück).

Der eine oder andere mag jetzt denken: Schärfe? Ist das heutzutage noch ein Thema? Wer schon etwas länger fotografiert, kann sich vielleicht noch daran erinnern: An die Zeiten, da man mit einem scharfen Adlerauge und flinken Fingern die richtige Scharfeinstellung am Objektiv noch selbst vornehmen musste. Mit ein bisschen Übung konnten das selbst Brillenträger (wie ich) lernen. Trotzdem soll es damals Fotokünstler gegeben haben, die sich vor allem deshalb dem Sujet der Landschaftsfotografie verbunden fühlten, weil die Entfernungseinstellung “Unendlich” besonders leicht auf dem Fokusring zu finden war. Heutzutage hat selbst die billigste Kamera einen Autofokus, der in den meisten Situationen ziemlich zuverlässig arbeitet. Es gibt Freaks, die immer noch an der Autofokus-Technik herumkritteln, ich jedoch ziehe meinen Hut vor all den Ingenieuren der Fotoindustrie, die auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten nach meinem Dafürhalten wirklich fabelhafte Arbeit geleistet haben. Ist deswegen Schärfe (bzw. Unschärfe) ein Sache von Gestern? Keineswegs, im Gegenteil: Das Thema ist ziemlich komplex, immer noch mit einigen Fallstricken behaftet, auf der anderen Seite aber auch ein weites Feld für faszinierende fotografische Gestaltungsmöglichkeiten.

Zum Trost – und um die harschen Worte zu Beginn etwas abzumildern – sei an dieser Stelle zugegeben: Bis zu einem gewissen Grad ist das Schärfe-Empfinden eine durchaus subjektive Angelegenheit. Wo die einen noch gar keine Probleme sehen, erkennen andere bereits Unschärfe von untragbarem Ausmaß. Je länger und intensiver Sie sich mit der Fotografie befassen, desto sensibler werden Sie in der Regel auf Unschärfe (am falschen Ort) reagieren. Hinzu kommen die Tücken der Technik: Je nach Güte der eingesetzten Optik kann die Schärfeleistung (vor allem an den Rändern eines Bildes) ziemlich variieren. Falls Sie sich schon einmal über die teils gehörigen Preisunterschiede bei Kameraobjektiven gewundert haben – unter anderem kann auch die Schärfe-Qualität über ein paar hundert Euro mehr oder weniger entscheiden. Was bleibt als Zwischenfazit? Bemühen Sie sich im Rahmen Ihrer (technischen) Möglichkeiten stets um die bestmögliche Schärfe für Ihre Bilder.

Eingangs sagte ich, es geht um Schärfe für die entscheidenden Teile des Bildes. Das ist der springende Punkt. Es kommt nicht darauf an, dass ein Foto an jedem Punkt scharf gezeichnet ist. Im Gegenteil: Auf sehr vielen äußerst attraktiven Aufnahmen sind unter Umständen sogar nur sehr kleine Teile des Bildes scharf – aber eben die entscheidenden. Stellt sich die Frage: Welches sind die entscheidenden Teile eines Fotos? Eine Antwort aus dem Lehrbuch gibt es hier nicht. Das ist aber auch kein großes Problem. Selbst Menschen, die sonst wenig von Fotografie verstehen, spüren intuitiv, worauf es bei einem Bild ankommen soll und ob dieser Bereich scharf gezeichnet ist. Auch Sie werden – wenn Sie wenigstens einen Sekundenbruchteil im Voraus über die Aufnahme nachdenken, die Sie gleich machen wollen – quasi instinktiv eine Vorstellung davon haben, welcher Teil davon scharf, d.h. sehr gut erkennbar sein soll. Dennoch kann es auf dem Weg dorthin mancherlei Schierigkeiten geben.

Gehen wir also das Thema etwas systematischer an. Prinzipiell gibt es vier Arten von Unschärfe in der Fotografie. Zwei davon sind fast immer (mit wenigen Ausnahmen) unerwünscht: die Unschärfe, die aus einer ungenauen Entfernungseinstellung resultiert (falsche Fokussierung) und die Unschärfe, die entsteht, weil die Kamera zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht ruhig genug gehalten wurde (Verwackler). Dann gibt es eine Unschärfe, die oft nicht unbedingt gewollt ist, mit der man aber durchaus leben kann und die häufig sogar sehr schöne Effekte bietet: Das ist die Unschärfe, die entsteht, wenn sich das Motiv im Verhältnis zur Verschlusszeit der Kamera (zu) schnell bewegt – die sogenannte Bewegungsunschärfe. Und last but not least gibt es eine Unschärfe, die zur hohen Kunst der Bildgestaltung werden kann, die aber nicht immer so ganz einfach zu beherrschen ist: Das ist die Unschärfe, die im Zusammenhang mit dem Phänomen der Schärfentiefe auftritt.

Um Unschärfe-Probleme zu lösen, die im Zusammenhang mit der Entfernungseinstellung stehen, ist – wie bereits angedeutet – heutzutage in der Regel der Autofokus einer Kamera zuständig. Das sollte eigentlich meist recht gut funktionieren, dennoch ist es erstaunlich, wie viele Schwierigkeiten Hobby-Fotografen an dieser Stelle trotzdem oft haben. Ein typischer Anfängerfehler tritt dann auf, wenn der Bildteil, der scharf gezeichnet werden soll, nicht genau in der Mitte liegt. Da ist dann der Kopf der Liebsten (nach der Regel des Goldenen Schnitts schön ein wenig aus der Bildmitte gerückt) völlig verschwommen, während der Kirschbaum fünf Meter dahinter, der nur den dekorativen Hintergrund bilden sollte, gestochen scharf rüberkommt. Die meisten Kameras stellen (was auch sinnvoll ist) auf die Mitte des Suchers (bzw. des Aufnahmedisplays) scharf. Der Trick damit umzugehen ist aber relativ simpel. So gut wie alle Kameras ermöglichen es, die Schärfe-Einstellung zu speichern. Und zwar, indem man mit halb durchgedrücktem Auslöser auf das Objekt der Begierde fokussiert, dann den gewünschten Ausschnitt wählt und dabei – ganz wichtig!!!! – den Auslöser weiterhin halb durchgedrückt hält, und dann erst auslöst. Was ich hier erzähle, ist übrigens kein Geheimwissen. In jeder halbwegs vernünftigen Kamera-Bedienungsanleitung wird dieses Verfahren erklärt. Merkwürdig nur, warum es trotzdem so viele Bilder gibt, auf denen das entscheidende Motiv unscharf ist …

Bei der Frage, worauf man denn nun genau scharf stellen soll, gibt es, zumindest was die Menschen- und Tierfotografie angeht, einen guten Tipp: Zielen Sie genau auf die Augen. Wenn die scharf sind, ist das schon mindestens die halbe Miete. Ansonsten: Beobachten Sie aufmerksam, worauf Ihre Kamera scharf stellt – jeder halbwegs gute Apparat zeigt das heutzutage ziemlich deutlich an. Wenn Sie unsicher sind, fokussieren Sie erneut, bevor Sie endgültig den Auslöser drücken.

Die heutigen Digitalkameras haben einen großen Vorteil: Sie können die Schärfe gleich nach der Aufnahme überprüfen. Dazu sollten Sie im Abspielmodus allerdings möglichst weit in das Foto hineinzoomen – in der Standardauflösung sind die meisten Displays zu klein, um die Schärfe wirklich beurteilen zu können. Schon so manche Aufnahme sah auf dem Kameradisplay fabelhaft aus, um sich dann auf dem Computermonitor als völlig unscharfes Machwerk zu entpuppen.

Es gibt Situationen, in denen selbst ein guter Autofokus Probleme bekommen kann. Zum Beispiel, wenn die Lichtverhältnisse ungünstig sind oder die Kontraste völlig fehlen. Versuchen Sie dann, irgendwo eine Linie im Sucher zu erwischen, an der sich der Autofokus “festhalten” kann. Probleme kann es auch geben, wenn Sie durch Gitter oder Fensterscheiben fotografieren (wobei letzteres erstaunlicherweise oft sehr gut funktioniert). Bessere Kameras bieten für solche Situationen immer noch die Möglichkeit, den Autofokus aus- und auf Handbetrieb umzuschalten. Wie in guten alten Zeiten …

Das Thema Verwacklungs-Unschärfe beschäftigt vor allem diejenigen unter uns, die mit einer Spiegelreflexkamera unterwegs sind. Eine kleine Kompaktkamera muss man schon ordentlich durch die Luft schwenken oder bei sehr ungünstigen Lichtverhältnissen fotografieren, um damit Verwackler einzufangen. Generell gilt natürlich immer: Kamera so ruhig halten wie es nur geht – aber das ist wohl wirklich eine Binsenweisheit. Logischerweise wird Verwacklungs-Unschärfe umso wahrscheinlicher je länger der Verschluss der Kamera geöffnet ist, um Licht auf den Chip (früher: den Film) zu lassen. In der Spiegelreflex-Fotografie gibt es eine sehr vereinfachte, aber durchaus brauchbare Faustregel, wann eine Aufnahme aus der Hand noch  völlig scharf gelingen kann. Und zwar sollte der Kehrwert der Verschlusszeit die Brennweite (in mm) nicht unterschreiten. Beispiel: Sie fotografieren mit einer Brennweite von 100 mm, also wählen Sie (wenn möglich) eine Verschlusszeit von mindestens 1/100 Sekunde. Bei einer Brennweite von 30 mm können Sie es dementsprechend relativ gefahrlos mit 1/30 Sekunde versuchen. Wenn Ihnen das zu akademisch wird, merken Sie sich folgende Grundregel: Je weiter man in den Telebereich geht (also je länger die Brennweite wird) desto schwieriger wird es, die Kamera ausreichend ruhig zu halten – und desto sinnvoller ist es, kurze Verschlusszeiten zu wählen.Viele moderne Kameras sind übrigens inzwischen so intelligent, dass sie automatisch bei längeren Brennweiten versuchen, kürzere Verschlusszeiten zu wählen.

Das ultimative Mittel gegen Verwackler ist ein Stativ. Ehrlich gesagt: Ich habe ein recht brauchbares Exemplar, dass im Keller mehr oder weniger vergammelt – Asche auf mein Haupt. Ein Stativ für eine Spiegelreflex-Kamera mitzuschleppen ist wirklich etwas mühsam und hat auf den Rest der Familie bei gemeinsamen Ausflügen so einen gewissen Fremdschäm-Effekt. Trotzdem: Wenn Sie bei schwierigen Lichtverhältnissen (zum Beispiel Landschaftsaufnahmen am frühen Morgen) und womöglich sogar mit längerer Brennweite arbeiten, ist ein Stativ definitiv die Profi-Lösung für schön scharfe Bilder. Kompaktkamera-Fotografen haben es da besser, nicht nur weil es ihnen – wie schon erwähnt – ohnehin leichter fällt ihr Gerät ruhig zu halten. Sie bekommen auch noch recht günstige, teilweise sogar sehr flexible Stative für ihre kleinen Apparate, die sich locker in einer Jackentasche verstauen lassen.

Wer trotzdem keine Lust auf ein Stativ hat – es gibt noch ein paar Tricks, mit denen sich die Stabilität für eine Aufnahme erhöhen lässt. Ganz simpel: Lehnen Sie sich irgendwo an. Atmen Sie tief aus, bevor Sie den Auslöser drücken. Und ganz wichtig: Experimentieren Sie mit dem Selbstauslöser! Dieses Feature, das jede Kamera bietet und das die meisten Fotografen nur nutzen, um endlich mal selbst mit aufs Bild zu kommen, kann Ihnen unschätzbare Dienste im Kampf gegen Verwacklungs-Unschärfe leisten. Schauen Sie sich um, ob Sie Ihre Kamera irgenwo ablegen können. Mit Büchern oder ähnlichen Utensilien können Sie das Objektiv ausrichten. Dann den Selbstauslöser starten. Eine verformbare Unterlage, zum Beispiel ein Kirschkernkissen, kann in diesem Zusammenhang besonders hilfreich sein. Übrigens: Wenn Sie nicht über so einen schicken Fernauslöser verfügen, ist auch beim Stativ-Einsatz der Selbstauslöser das Mittel der Wahl.

Im Kampf gegen Verwackler kann Ihnen auch ausgeklügelte Technik eine Hilfe sein. Hochwertige Kameras und Objektive haben heutzutage oft einen sogenannten Bildstabilisator. Ich persönlich habe noch keine Erfahrung damit gesammelt, habe aber schon von verschiedensten Seiten gehört, dass das eine sehr nützliche Sache sein kann. Wunder kann man davon nicht erwarten, also scharfe Bilder mit einer durchgeschüttelten Kamera gibts auch mit Bildstabilisatoren nicht. Ansonsten ist das – wie so vieles im Leben – eben auch eine Frage des Geldbeutels.

Sie merken: Das Thema Schärfe ist ein weites Feld. Dabei kommen wir zu den wirklich spannenden Aspekten erst jetzt. Zum Beispiel die Bewegungsunschärfe. Dieses Phänomen darf man nicht mit der Verwacklungs-Unschärfe verwechseln, auch wenn hier ebenfalls die Verschlusszeit die entscheidende Rolle spielt. Die Sache ist sehr simpel: Wenn sich das Objekt, das Sie fotografieren, im Verhältnis zu der Verschlusszeit Ihrer Kamera schnell bewegt, wirkt es auf der Aufnahme verwischt. Erstaunlicherweise ist dieser Effekt längst nicht so störend wie die Verwacklungs-Unschärfe. Im Gegenteil: Oft wirkt das sogar ausgesprochen attraktiv. Meistens liegt das daran, dass in so einem Bild gestochen scharfe Elemente mit verwischten kombiniert sind. Das klassische Beispiel ist ein Wasserfall (oder ein Springbrunnen): Wenn Sie eine lange Verschlusszeit wählen, zum Beispiel eine 1/30 Sekunde oder länger, und ansonsten die Kamera absolut ruhig halten, dann beginnt das Wasser zu fließen – es verwischt, während die “Hardware” des  Wasserfalls, also die Felsen, die Pflanzen drumherum, etc. ganz scharf abgebildet werden. Der gleiche Effekt tritt bei den viel bewunderten Nachtaufnahmen auf, auf denen der Straßenverkehr nur noch als hellgelbe (Scheinwerfer) und rote (Rückleuchten) Linien erkennbar ist; die Umrisse der einzelnen Autos sind völlig aufgelöst.

Was bedeutet das für unsere Foto-Praxis? Wenn wir in der Lage sind, unsere Kamera ruhig zu halten, sollten wir uns vor sich (schnell) bewegenden Objekten nicht fürchten. Die Chancen sind groß, dass wir attraktive Ergebnisse bekommen. Wenn genug Licht da ist, um auch kürzere Verschlusszeiten wählen zu können, empfiehlt es sich (soweit die Kamera das zulässt), mit verschiedenen Verschlusszeiten zu experimentieren – und so eine Bewegung entweder “einzufrieren” (kurze Verschlusszeit) oder “fließen zu lassen” (lange Verschlusszeit). Beides kann interessant sein.

Kommen wir nun sozusagen zur Königsdisziplin beim Spiel mit der (Un)Schärfe. Während, wie bereits erwähnt, Fotografen in der Regel alles tun, um Unschärfe durch falsche Entfernungseinstellung und Verwacklung zu vermeiden, und die Bewegungsunschärfe oft nur mehr oder minder wohlwollend hingenommen wird, ist die Unschärfe, die im Zusammenhang mit der Schärfentiefe steht, ein heiß begehrtes Gestaltungsmittel in vielen Situationen. Unter dem Begriff Schärfentiefe (seltener auch Tiefenschärfe genannt) versteht man das Phänomen, das in einem Bild vor und/oder hinter einem scharf gezeichneten Objekt unscharfe Bereiche vorhanden sind. Auf vielen Bildern wirkt das äußerst attraktiv, wohl auch, weil es unseren menschlichen Sehgewohnheiten entpricht: Auge und Gehirn fokussieren im Zusammenspiel ebenfalls auf die Dinge, die uns in der jeweiligen Situation am Wichtigsten erscheinen und blenden das, was gerade weniger interessant scheint, quasi aus. Allerdings ist die Schärfentiefe längst nicht für alle Aufnahmesituationen relevant. Grob gesprochen hängt sie von folgenden vier Faktoren ab: Von der Distanz des abgelichteten Objekts zur Kamera, von der Größe der Öffnung, durch die das Licht auf den Chip fällt (Blendenöffnung), von der Brennweite und vom eingesetzten Kameratyp.

Zunächst einmal: Je näher das Motiv ist, das Sie fotografieren wollen, desto eher bekommen Sie es mit der Schärfentiefe zu tun. Bei Landschaftsaufnahmen brauchen Sie sich nicht darum zu kümmern – es sei denn Sie wollen im Vordergrund noch ein paar Gräser oder einen Ast dekorativ mit ins Bild arrangieren. Das kann recht gut aussehen, erst recht, wenn dieser Vordergrund leicht verschwommen ist. Hier kommt dann also die Schärfentiefe hilfreich ins Spiel. Damit das so funktioniert, müssen Sie natürlich auf Ihr Hauptmotiv, also die Landschaft in weiter Ferne, scharf stellen. Bei Nahaufnahmen ist in der Regel der umgekehrte Effekt erwünscht: Der Hintergrund soll verschwommen erscheinen, damit das Hauptmotiv davor noch besser zur Geltung kommt. Klassisches Beispiel dafür ist die Porträtaufnahme. Stellen Sie in so einem Fall Ihr Model also nicht direkt an die Wand, sondern ein wenig davor – so steigt die Chance, dass diese schön unscharf wird. Wenn es um extreme Nahaufnahmen, sogenannte Makros, geht, kann die Sache mit der Schärfentiefe zu einer Zentimeter- manchmal sogar zu einer Millimeterangelegenheit werden. Immer aber gilt: Das wichtigste ist, dass Sie exakt auf den Bereich Ihrer Aufnahme scharf stellen, der entscheidend für die Bildaussage sein soll.

Wie gesagt: Je näher Ihr Motiv, desto kleiner wird tendenziell der Bereich zwischen Vorder- und Hintergrund, der scharf gezeichnet wird. Eine weitere, sehr wichtige Stellschraube, an der Sie drehen können – wenn Ihre Kamera das zulässt (viele vollautomatische Kompakte bieten diese Möglichkeit nicht oder nur sehr eingeschränkt) – ist die Größe der Blendenöffnung. Auf das Thema Blende und Verschlusszeit möchte ich bei Tipp 3 (Licht) nocht etwas genauer eingehen. Hier nur soviel: Je größer ihre Blende (d. h. je kleiner die Blendenzahl) desto kleiner wird der Schärfentiefe-Bereich. Mit einer Blende 2.8 ist also der scharfe Bereich zwischen Vorder- und Hintergrund deutlich kleiner als mit einer Blende 16. Wenn Sie Einfluss auf Ihre Blende haben, probieren Sie es aus: Fotografieren Sie ein Motiv bei ansonsten gleichen Bedingungen mit unterschiedlicher Blendenöffnung. Manchmal kann eine sehr geringe Schärfentiefe attraktiv sein, manchmal möchte man, wenn irgend möglich, vom Vorder- bis zum Hintergrund alles schön scharf haben.

Auch die Brennweite ist für die Schärfentiefe von recht großer Bedeutung. Je länger die eingesetzte Brennweite (also je mehr Sie ein Motiv optisch heranholen, also je mehr mm Sie einsetzen) desto geringer wird die Schärfentiefe. Wenn Sie eine Nahaufnahme vorhaben, bei der alle Bereiche des Bildes scharf sein sollen, dann sollten Sie mit einem Weitwinkel an die Arbeit gehen (und zusätzlich die Blende so weit wie möglich schließen). Wollen Sie einen schön verschwommenen Hintergrund (zum Beispiel bei einem Porträt), schnappen Sie sich ein Tele und blenden auf. Das hat nebenbei noch den Vorteil, dass Ihre Verschlusszeit kürzer werden kann und so die Gefahr von Verwacklern minimiert wird.

Last but not least spielt auch der Typ der eingesetzten Kamera eine wichtige Rolle bei der Schärfentiefe. Generell gilt: Bei einer Kompaktkamera ist die Schärfentiefe deutlich größer als bei Spiegelreflexkameras. Vor allem Nahaufnahmen sind mit Kompakten daher deutlich weniger knifflig, auf der anderen Seite haben Sie damit weniger Gestaltungsspielraum.

Puh, das war schon eine Menge Holz, diese Schärfe-Sache. Darum zum Schluss nochmal das Wichtigste: Trainieren Sie die korrekte Entfernungseinstellung mit dem Autofokus Ihrer Kamera und halten Sie das Ding ruhig. Alles andere ist ein Frage des Ausprobierens und der Erfahrung.

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