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Die Zukunft des Lesens? Erste Erfahrungen mit dem Kindle

November 16th, 2011 · 1 Kommentar

Die Aussicht, jede Menge Lesestoff platzsparend (fast) überall mit mir herumtragen zu können; und die Neugierde, wie womöglich die Zukunft der Leser wie auch der Schreiber aussehen könnte, haben mich dazu bewogen, mir einen E-Book-Reader – zu deutsch: ein Lesegerät für elektronische Bücher – zuzulegen. Entschieden habe ich mich für den Kindle von Amazon – womit ich vermutlich dem Mainstream gefolgt bin, mit den dazu gehörenden Vor- und Nachteilen (dazu später mehr). Auch wenn es einen Journalisten, der – emotional wie ökonomisch – sich immer noch zum größten Teil den Printmedien verbunden fühlt, schmerzen mag: Der Gesamteindruck zum Kindle fällt durchaus positiv aus.

Im Folgenden möchte ich meine bisherigen Erfahrungen jedoch etwas differenzierter vorstellen. Dabei will ich drei Aspekte vertiefen: zum einen die Dinge, die mir uneingeschränkt oder doch zumindest weitgehend positiv aufgefallen sind. Zum Zweiten die Kritikpunkte, von denen ich vermute, dass sie vom technischen Fortschritt relativ bald ausgeräumt werden. Und zum Dritten die Schwachstellen, von denen ich glaube, dass sie systemimmanent (bzw. medienimmanent) sind. (Womit ich nicht grundsätzlich ausschließen möchte, dass  auch für Letztere einmal eine adäquate technische Lösung gefunden wird.)

Den endgültigen Anstoß zum Erwerb des Kindle gab die Werbekampagne von Amazon für den “deutschen” Kindle. Letztlich entschieden habe ich mich dann aber für die derzeit teuerste Variante: den Kindle Keyboard 3G (der derzeit immer noch (nur) mit einer englischen Benutzerführung ausgestattet ist).  Auf die Spezialitäten dieses Modells werde ich später noch zu sprechen kommen.

Was also macht Spaß am Kindle?

  • Zunächst einmal tatsächlich die Möglichkeit, Lesestoff in Hülle und Fülle immer dabei haben zu können. Drei Gigabyte Speicherplatz stehen zur Verfügung, was (angesichts relativ bescheidener Dateigrößen – im Gegensatz zu Audio-, Bild- oder Videoformaten) selbst hungrigsten Leseratten zunächst einmal reichen dürfte. Amazon gibt eine Speicherkapazität für rund 3500 Bücher aus.  Wer unterwegs ist, ist nicht mehr beschränkt auf drei oder vier Schmöker, die er sich zu Beginn der Reise in seinen Koffer oder seinen Rucksack gelegt hat. Eine wunderbare Freiheit, die vor allem auch Pendler genießen dürften, die den Weg zu und von ihrer Arbeit lesend verbringen. (Tatsächlich war die Aussicht, auf meiner Zugfahrt in die Redaktion eine große Auswahl an Lesestoff immer dabei zu haben,  einer der Hauptbeweggründe für der Kauf des Kindle.)
  • Die elektronischen Bücher im Kindle sind sehr gut zu lesen. Das Display unterscheidet sich grundlegend von dem üblichen Bildschirm, den Computer, Handys oder andere IT-Geräte mitbringen. Es ist praktische reflexionsfrei, Amazon nennt es E-Ink-Display – das auch bei starkem Lichteinfall noch ein komfortables Lesen ermöglicht. Tatsächlich erinnert das Lesen am Kindle-Display mehr an das Lesen eines gedruckten Buches als an das Lesen an einem (Computer-)Bildschirm. Ein zusätzlicher Vorteil: Das E-Ink-Display braucht weniger Strom und schont damit den Akku. Die Nachteile: weiter unten.
  • Zum Thema gute Lesbarkeit ist noch ein ganz wichtiger Punkt anzuführen: Elektronische Bücher lassen sich im Kindle in ihrer Darstellung stark variieren. Allein die Möglichkeit, die Schriftgröße und den Zeilenabstand zu verändern, halte ich für ein gravierendes Argument, das für die Zukunft der E-Books spricht. Menschen mit Sehschwäche etwa können sich so ein Buch nach ihren Bedürfnissen “einstellen”, ohne ein zusätzliches Produkt kaufen zu müssen. Mehr noch: Diverse Kindle-Bücher kann man sich sogar vorlesen lassen – und das sogar in sehr ordentlicher Audio-Qualität. Allerdings gibt es dieses Feature bislang nur für englische E-Books.
  • Genial und gleichzeitig sehr gefährlich ist die Möglichkeit, quasi überall auf der Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit sich neuen Lesestoff besorgen zu können. Amazon beweist hier wirklich enorme Geschäftstüchtigkeit, die für Lese-Junkies ganz schön ins Geld gehen könnte. Alle Kindle-Modell können sich über WiFi (WLAN) ins Internet einklinken und sich damit mit dem Kindle-Shop verbinden, wo sich neues Lesefutter erwerben lässt. Mit dem Kindle Keyboard 3G ist nicht einmal WLAN-Zugang nötig: Gibt es keinen verfügbaren WLAN-Hotspot, sucht der Kindle nach einem passenden Mobilfunk-Netz – und das alles ohne zusätzliche Verbindungskosten. Ein Beispiel, wie sich diese Überall-Verfügbarkeit von Büchern nutzen lassen kann: Unlängst habe ich für eine Woche Urlaub am Bodensee gemacht. Eine kurze Suche im Kindle-Shop hat mir gleich eine Liste mit möglichen passenden Urlaubslektüren ausgespuckt (diese Liste wäre allerdings noch ausbaufähig).
  • Eben sprach ich von der Gefahr, sich über den niedrigschwelligen Zugang zum E-Book-Kauf sein Portemonnaie ruinieren zu können. Hier die gute Nachricht: Es gibt eine beeindruckende Zahl an Büchern, die man sich für den Kindle komplett gratis oder für geringe Cent-Beträge besorgen kann. Dabei handelt es sich oft um sogenannte “Klassiker”, das heißt Werke, für die die Urheberrechte abgelaufen sind. Viele Meilensteine der Weltliteratur sind darunter; mein Rat kann hier nur lauten: Nicht zu gierig sein und gleich alles mögliche runterladen – die wertvolle Kost will ja auch irgendwann einmal gelesen werden.
  • Was vielleicht selbst vielen Kindle-Nutzern gar nicht so bewusst ist: Die Kindle-Bücher lassen sich komfortabel auch auf vielen anderen Endgeräten nutzen. Ich persönlich nutze zum Beispiel gern die Kindle-Lektüre über den PC, die über moderne Web-App-Technologie sogar unter Linux verfügbar ist (allerdings nur mit Browsern der neusten Generation). Darüber kann man Kindle-Inhalte sogar in Farbe bewundern.

An welchen Stellen ist der Kindle noch verbesserungswürdig?

  • Der augenfälligste Nachteil des eben gepriesenen E-Ink-Displays: Bislang ist die Bücherwelt auf dem Kindle schwarz-weiß. Das Fehlen von Farbe lässt sich bei vielen (den meisten) Büchern verschmerzen, trotzdem vermisst man es hier und dort. Irgendwie ist es schon kurios: Mit dem Auftauchen neuer Technologien, so scheint es, werden bestimmte Entwicklungen wiederholt – eine Art technisches Deja-Vu-Erlebnis. Wie lange haben wir auf komplett in Farbe gedruckte Zeitungen gewartet – und jetzt geht das alles wieder von vorne los … Nun, ich denke, der technische Fortschritt dürfte das Farbproblem relativ schnell lösen.
  • Der Kindle ist etwas restriktiv, was die Akzeptanz von E-Book-Formaten angeht. Das Kindle spezifische Format (azw) wird natürlich unterstützt, ebenso das mobi-Format – was aber fehlt, ist das Epub-Format, das als offener Standard von vielen anderen Readern gelesen werden kann. Gerüchten zufolge soll auch der Kindle in Zukunft einmal Epub akzeptieren – ob daraus was wird? Der restriktive Umgang mit den Formaten führt natürlich dazu, dass Kindle-Besitzer sich ihren Lesestoff vorwiegend bei Amazon besorgen, was aus Sicht dieses Unternehmens natürlich gewünscht wird. Vielleicht aber hat Amazon, ohnehin der Platzhirsch im weltweiten Buchhandel, ja die Größe, hier etwas mehr Freiheit walten zu lassen. Übrigens: Das Lesen des pdf-Formats, was der Kindle beherrscht, erweist sich als nicht so bedeutend, wie ich zunächst vermutet hatte. Pdf-Dokumente sind in der Regel so an einem klassischen Druck-Layout orientiert, dass sie in einem E-Book-Reader nicht wirklich komfortabel gelesen werden können.
  • Die Fähigkeit, sich in drahtlose Netzwerke einzuklinken, könnte den Kindle auch zu einem komfortablen mobilen Internetgerät machen. Tatsächlich ist diese Möglichkeit (in Deutschland derzeit allerdings nur über WLAN) durchaus vorgesehen. Allerdings bezeichnet selbst Amazon die Fähigkeiten des Internetbrowsers als experimentell – völlig zu Recht. Sehr viel anfangen lässt sich damit bislang nicht. Die Stärke des Kindle ist der Umgang mit Texten, nicht mit Bildern, Grafiken oder anderen Multimedia-Inhalten. Warum aber macht man dann nicht aus der Not eine Tugend – und setzt auf einen  textbasierten Browser a la Lynx? So etwas, könnte ich mir vorstellen, würde gut im Kindle funktionieren.
  • Generell scheint mir der Umgang mit grafischen Inhalten noch nicht wirklich optimal gelöst. Manche Bilder und Grafiken lassen sich trotz vorhandener Zoom-Funktion nur schwer erkennen. Mitunter scheint auch das Layout insgesamt ziemlich schlampig aufgebaut – das wiederum muss aber nicht unbedingt ein Manko des Kindle sein, sondern könnte auch an dem Unvermögen mancher Autoren/Verlage liegen, die E-Books anständig zu formatieren.

Wo sind (derzeit) die prinzipiellen Grenzen des Kindle (oder anderer E-Book-Reader)?

  • Für mich die grundlegendste Schwäche eines E-Books: Das für ein gedrucktes Buch selbstverständliche Prinzip des Blätterns funktioniert dort nicht wirklich. Natürlich kann man auch bei einem E-Book die Seiten “umblättern”, und beim Kindle ist das auch ganz anständig gelöst. Die Möglichkeit aber, sich in einem Buch ohne große Anstrengung hin und her bewegen zu können, ist nur sehr eingeschränkt möglich. Mal eben schnell zum Inhaltsverzeichnis, dann an die gewünschte Stelle, jetzt noch ein Blick ins Register, dann wieder zurück, und na ja, vielleicht doch noch mal  an den Anfang des vorherigen Kapitels geschaut … Mit einem E-Book-Reader können solche Manöver ganz schön mühsam werden. Von dem Genuss des entspannt-entrückten Durchblätterns eines Buchs auf dem Sofa ganz zu schweigen.
  • Mit dem Kindle ist man auf ein ganz bestimmtes physisches Format festgelegt – knicken oder auseinander falten kann man ihn ja nicht. Grundsätzlich finde ich die Abmessungen des Kindle ganz gut getroffen, nicht zu groß und nicht zu klein. Für manche “Anwendungen” aber passt er einfach nicht. Besonders aufgefallen ist mir das beim Thema Zeitung. Grundsätzlich liegt der Gedanke nahe, Zeitungen und Zeitschriften gerade über ein Gerät wie den Kindle zu vertreiben, das quasi überall auf der Welt den Gang zum Kiosk überflüssig machen würde. Doch den Überblick, den eine gedruckte Zeitung verschaffen kann, sehe ich – zumindest vorläufig – über einen E-Book-Reader nicht gegeben (übrigens auch nicht im Internet). Schnell und komfortabel erfassen, was läuft in der Welt – das schafft bisher nur ein Medium, das man falten und blättern kann.

 

 

Tags: Allgemein

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Pfot // Mai 7, 2012 at 13:36

    Über den Punkt, dass ich mir als Leseratte zu viel Online hole, hab ich mir anfänglich auch große Sorgen gemacht. Doch iwie ist das Problem nach anfänglich sehr hohem Lesekonsum bei mir nicht dauerhaft aufgetreten. Und bei vielen kritischen Punkten gebe ich Dir ganz und gar recht. Daher ist das Kindle für mich eine Brückentechnologie :-)

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