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Weblog von Alexander Huber

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Altmodisches Kind dieser Zeit

Talentierter Shooting-Star der Folk-Pop-Szene: Amy Macdonald kommt nach Colmar

“Yipeee”, schrieb die junge Dame am 31. März dieses Jahres in ihr Weblog, “heute wird irgendwo auf der Welt jemand die 2,5-millionste Ausgabe von ‘This is the Life’ kaufen.” Auf MySpace, wo Amy Macdonald ihr Blog führt, ist die junge Sängerin im Netz präsent – wie Millionen andere junge Menschen auch. Und auf den ersten Blick unterscheidet sich ihre Web-Visitenkarte, bunt und leicht chaotisch, kaum von denen ihrer Altersgenossen rund um den Globus. Der letzte Blog-Eintrag freilich ist schon ein Weilchen her. Er stammt vom 6. Mai und verkündet die Ankunft eines neuen Familienmitglieds: Arnie, ein Schnauzer-Welpe, ist im Hause Macdonald eingezogen.

Dass die Musikerin nicht mehr so recht zum Schreiben ihres Internet-Tagebuchs kommt, hat vermutlich ganz einfache Gründe. Die junge schottische Folksängerin ist seit dem fulminanten Erfolg ihres Debüt-Albums “This is the Life” im vergangenen Jahr ständig auf Tour. Parallel dazu koppelt ihre Plattenfirma weiterhin Singles aus diesem Album aus. Dass sich das offenbar noch lohnt, ist angesichts des Umstands, dass immerhin schon 2,5 Millionen bereits das gesamte Album besitzen, erstaunlich. Und doch auch wieder nicht. Denn es sagt etwas aus über die Qualität von “This is the Life”. Das Album hat elf Titel – und fast jeder davon hat das Zeug zu einem Hit. Dass ein ganzes Pop-Album quasi ohne Durchhänger rüberkommt, ist schon selten genug, bei einem Debüt ist es umso beachtlicher.

Sicher, Macdonald bewegt sich im Folk-Genre, das – ganz abgesehen vom aktuellen Revival – ohnehin eine Musik-Richtung darstellt, die den Geschmack der Massen befriedigen kann. Bemerkenswert aber ist, wie viel Reife textlich, musikalisch und auch stimmlich Macdonald, die am 25. August gerade erst 22 Jahre alt wird, mit ihren Songs bereits beweist.

Offenbar ist das Talent der im schottischen Bishopbriggs geborenen Sängerin so ungewöhnlich, dass es auch ohne die heute vorherrschenden Mechanismen im Pop-Geschäft mit Casting-Shows und Internetvermarktung auffallen musste. Macdonalds Karrierestart liest sich geradezu klassisch. Von zahlreichen Musik-Größen ihrer unmittelbaren Vorgänger-Generation, allen voran Travis und Pete Doherty, inspiriert, reift in ihr der Wunsch, Musikerin zu werden. Sie spielt auf einer alten Klampfe ihres Vaters, erfindet Melodien, räsoniert über sich selbst und die Welt, in der sie lebt. Und schafft es, diese Gedanken in eingängige Songs zu gießen. Eine Autodidaktin, die die neuen Möglichkeiten des Internets nutzt, um Akkordfolgen zu recherchieren.

Erste Live-Auftritte stoßen auf Zuspruch, später auch ihre Demos, die sie an diverse Labels verschickt. Dass sich Macdonald schließlich für Melodramatic Records entscheidet, erweist sich mindestens für ihr Debüt als echter Glücksgriff. Das von Pete Wilkinson geleitete Londoner Label produziert “This is the Life” in einer geradezu atemberaubenden Perfektion.

Nun aber warten Fans und Kritiker gespannt darauf, wie es mit Amy Macdonald weitergeht. Wird sie ihre unverfälscht wirkende Weltsicht, die auch die moderne, zur Oberflächlichkeit neigende Popkultur mit Castingshows und sinnlosem Getwittere durchaus kritisch reflektiert, beibehalten? Wird sie, die ihrem plötzlichen Ruhm offenbar immer noch etwas fassungslos gegenübersteht, einem Schicksal entgehen, wie es ihre mindestens ebenso talentierte, aber regelmäßig Boulevard-Schlagzeilen schreibende Namensvetterin Amy Winehouse ereilte? Vor allem aber: Wird sie musikalisch nachlegen können oder bleibt “This is the Life” eine erfolgreiche, aber eben doch einmalige Notiz in der Pop-Geschichte? Leicht hat sie es sich nicht gemacht. Ein clever kalkulierender Pop-Manager – ebenjene Sorte Mensch, der Macdonald mit so viel Argwohn begegnet – hätte wohl die Messlatte für den Anfang nicht so hoch gelegt.

Amy Macdonald (Vorgruppe: Superbus), am Dienstag, 11. August, 20 Uhr, Parc des Exposition in Colmar.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 2. August 2009

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