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Dem Hirn Beine machen

Doping für die Psyche – eine Herausforderung der Zukunft

Flugkapitäne, die ein Medikament für Alzheimer-Kranke einnehmen, damit sie besser ihre regelmäßigen Leistungstests im Simulator überstehen. Studenten, die in einer wichtigen Klausur ihre Konzentration steigern mit einem Mittel, das eigentlich für hyperaktive Kinder gedacht ist. Börsenmakler, die sich für die entscheidenden Phasen des Aktienhandels wach halten mit Pillen, die hergestellt wurden, um Menschen mit einer seltenen Schlafkrankheit zu helfen.

Das ist nicht Fiktion, sondern Realität. Vermutlich noch nicht so oft, aber immer öfter. Doch ist das richtig, was dort geschieht? Ist es recht? Schadet die Einnahme von Medikamenten zur Steigerung der geistigen und seelischen Leistungsfähigkeit dem Individuum? Schadet es der Gesellschaft?

“Die Debatte im Bereich körperliche Leistungssteigerung hat man ja weltweit über viele Jahre zu wenig ernst genommen”, sagt Mathias Berger, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg. “Wir sollten aufpassen, dass uns das im Bereich geistige Leistungssteigerung nicht wieder passiert.” Vor einigen Monaten hat Berger gemeinsam mit Claus Normann, Oberarzt in seiner Abteilung, begonnen, das Thema Doping für das Gehirn intensiver unter die Lupe zu nehmen. Experten sprechen lieber – weil neutraler – von “psychopharmazeutischem Enhancement”. Doch ob wissenschaftliche Bezeichnung oder eingängiges Schlagwort, es geht immer um das eine: Eigentlich gesunde Menschen benutzen auf Geist und Seele wirkende Medikamente, weil sie sich daraus einen Vorteil für ihre Arbeit oder auch ihr Privatleben erhoffen.

Wieviele Menschen ihr Hirn mit Psychopharmaka puschen, weiß niemand. “Seriöse Schätzungen gibt es nicht”, sagt Thorsten Galert von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr. Galert – er leitet das erst unlängst ins Leben gerufene Projekt “Potenziale und Risiken des pharmazeutischen Enhancements psychischer Eigenschaften” – erklärt: “Man hat einzelne Bereiche untersucht. Zum Beispiel den Gebrauch von Ritalin als Konzentration förderndes Mittel bei amerikanischen Collage-Studenten. Doch selbst bei diesen eng umgrenzten Studien schwanken die Zahlen zwischen 5 und 40 Prozent, die das nehmen sollen.” Nur eines kann Galert bestätigen: “Die Bereitschaft, solche Mittel zu nehmen, steigt.”

Diese Erkenntnis ist auch auf politischer Ebene angekommen – und man ist wachsam geworden. Die Lörracher SPD-Bundestagsabgeordnete Marion Caspers-Merk, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und frühere Drogenbeauftragte der Bundesregierung: “Wir können die Abgaben von bestimmten Mitteln über das Betäubungsmittelgesetz kontrollieren. Und da beobachten wir seit einiger Zeit schon Steigerungen, die sich nicht einfach mit medizinischen Begründungen erklären lassen.”

Nur die Spitze des Eisberges

Caspers-Merk weiß freilich, dass sie damit nur die winzige Spitze des Eisberges in den Blick bekommt. Wenn ein Arzt hierzulande etwa Ritalin – das zur Behandlung von Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS eingesetzt wird – ohne die entsprechende medizinische Indikation verschreibt, verstößt er nicht nur gegen das Arzneimittel-, sondern sogar gegen das Betäubungsmittelgesetz. Doch in eine solche missliche Lage braucht eigentlich kein Patient seinen Arzt zu bringen. Wer die entsprechenden Stichwörter bei Google eingibt, muss im Internet nicht lange suchen, bis er unter diversen Händlern auswählen kann, die ihm den gewünschten Stoff rezeptfrei und diskret verpackt zuschicken.

Modafinil zum Beispiel – das derzeit als eine Art Wundermittel gehandelt wird. Es soll wach und aufmerksam halten, ohne die gefährlichen Nebenwirkungen etwa von Amphetaminen zu haben. Bei Börsenmaklern soll es sehr beliebt sein, die damit beim globalen Auf und Ab der Aktienkurse immer am Ball bleiben können. Entwickelt wurde Modafinil für Menschen, die an Narkolepsie leiden, einer Krankheit, bei der die Patienten ein plötzlicher starker Schlafdrang überfällt. Schaut man sich die Verkaufszahlen von Modafinil an, so könnte man fast meinen, Narkolepsie sei eine Volkskrankheit: Das Mittel bringt in den USA einen Jahresumsatz von 200 Millionen Dollar. Tatsächlich aber sind Narkolepsie und die mit ihr verwandten Krankheiten, bei denen der Einsatz von Modafinil angezeigt wäre, äußerst selten.

Ziemlich selten ist auch die krankhafte Form von Schüchternheit, die so genannte soziale Phobie, die die Patienten quasi lebensuntüchtig macht, weil sie möglichst jedem Kontakt mit anderen Menschen aus dem Wege gehen. Auch dagegen gibt es ein Mittel: Zoloft. In den USA steht es auf der Hitliste aller Medikamente an fünfter Stelle.

Wirklich verwundern kann dies nicht: In den USA ist Werbung auch für verschreibungspflichtige Medikamente erlaubt. Im TV-Spot für Zoloft zeigen knuddelige Cartoon-Figuren, wie das Mittel dabei hilft, wieder auf andere zugehen zu können. Zwar weist eine seriöse Stimme aus dem Off darauf hin, Zoloft dürfe nur auf Anweisung des Arztes genommen werden. Doch die Versuchung wird nachvollziehbar: Wer wünschte sich nicht, lockerer beim Party-Smalltalk zu sein und leichter Kontakte knüpfen zu können?

Der Druck, in diversen Situationen dem Hirn auf die Sprünge zu helfen – er wird immer größer. Mathias Berger und Claus Normann von der Uniklinik Freiburg weisen auf einen interessanten Aspekt hin: den Unterschied zwischen fluider und kristalliner Intelligenz. “Denken Sie bei kristalliner Intelligenz an einen alten, weisen Mann. Und bei fluider Intelligenz an einen Jugendlichen beim Videospiel”, erklärt Normann. Kristalline Intelligenz hat etwas mit Lebenserfahrung, mit Wissensansammlung zu tun – sie wird im Verlaufe eines Lebens immer größer. Bei der fluiden Intelligenz dagegen geht es um schnelle Reaktion, um das Erfassen neuer Situationen, um das rasche Umdenken und Umstellen. Diese Art von Intelligenz erreicht ihren Höhepunkt schon im frühen Jugendalter, bei etwa 14 Jahren. “Die Entwicklung geht dahin, dass fluide Intelligenz immer mehr gefordert wird”, sagt Berger, “während die Wertschätzung der kristallinen Intelligenz eher abnimmt, da Wissen immer mehr extern gespeichert wird – beispielsweise in der Online-Ezyklopädie Wikipedia – und von dort immer schneller abgerufen werden kann.”

Symptome dieser Entwicklung sehen Berger und Normann bereits im eigenen Haus: Claus Normann betreut depressive Menschen und sagt: “Sie glauben gar nicht, wie viele unserer nicht mehr ganz jungen Patienten nervlich zusammengebrochen sind, weil in ihrem Betrieb ein neues EDV-System eingeführt wurde. Die Abkürzung SAP kann ich schon gar nicht mehr hören.”

Wenn also, gemessen an den neuen Anforderungen, bereits Zwanzigjährige ihren Zenit überschritten haben, dann lässt sich leicht erahnen, wie groß die Sehnsucht schon in naher Zukunft werden könnte, der mit fortschreitendem Lebensalter schwindenden fluiden Intelligenz von außen auf die Sprünge zu helfen.

Konkurrent Computer

Berger und Normann weisen darauf hin, dass sich in der globalisierten und immer schneller tickenden Welt nicht nur die Menschen untereinander zunehmend Konkurrenz machen. Auch von einer ganz anderen Seite wird der Druck immer größer: Die Leistungsfähigkeit von Computern hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen, und in bestimmten Bereichen ist die Maschine dem Menschen haushoch überlegen. Auf der anderen Seite weiß man von so genannten Insel-Begabungen, etwa bei Autisten, die schier Unvorstellbares beispielsweise mit ihrem Gedächtnis leisten können, ansonsten aber kaum alleine lebensfähig sind. Wie sind diese Phänomene zu erklären? Und könnte man nicht Mittel entwickeln, die diese Leistungsfähigkeit auch in “normalen” Menschen zum Leben erwecken? Das sind Fragen, die durchaus in den Laboren der Welt bereits untersucht werden.

Einstweilen freilich wird das Potenzial der Psycho-Pillen von vielen Menschen eher überschätzt. Prozac beispielsweise ist ein Antidepressivum, das in den USA zur Volksdroge wurde. Zur Verwunderung der Experten: In klinischen Tests tendierte der stimmungsaufhellende Effekt von Prozac bei gesunden Menschen gegen Null.

Verglichen mit dem Doping im körperlichen Bereich also steht das Hirn-Doping erst am Anfang. Umso dringlicher wäre es, sich rechtzeitig mit dem Thema zu beschäftigen, “auch wenn wir nicht in Alarmismus verfallen sollten”, wie Thorsten Galert empfiehlt. Doch die Menge der offenen Fragen ist riesig: Sie reichen von der Unklarheit darüber, was Psychopharmaka bei Gesunden tatsächlich bewirken und ob Mittel wie Modafinil wirklich so harmlos sind, wie oft dargestellt wird, bis hin zu Überlegungen, wie eine Gesellschaft aussehen würde, in der Hirn-Doping ähnlich gesellschaftsfähig wäre wie heute Schönheitsoperationen. Galert verweist auf eine mögliche Verstärkung der sozialen Ungerechtigkeit – denn die “kosmetische Psychopharmakologie” (Normann) werden sich wohl nur besser Betuchte dauerhaft leisten können.

Und schließlich werden Fragen berührt, die unser Sein direkt betreffen: Bin ich noch ich, wenn ich solche Mittel nehme? Wie authentisch bleibt meine Persönlichkeit? Und, um es mit dem Philosophen Thorsten Galert zu formulieren: Sind solche Mittel “im Interesse eines gelingenden Lebens”?

Alexander Huber, DER SONNTAG, 15. Juli 2007

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