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Die Notbremse gezogen

Wie es zum massenhaften Sterben der Bienen am Oberrhein kommen konnte

Nach Abertausenden toten Bienen und immer verzweifelteren Interventionen der Imker haben die Behörden die Notbremse gezogen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) entzog am Freitag dem Saatgutbehandlungsmittel Poncho Pro und ähnlichen Insektiziden zumindest temporär die Zulassung. Für dieses Jahr freilich kam die Entscheidung zu spät – der Mais ist gesät, dafür läuft die Suche nach den genauen Ursachen des katastrophalen Bienensterbens mit Hochdruck weiter.

Als sich der Bad Krozinger SPD-Abgeordnete Christoph Bayer, Mitglied im Agrarausschuss des Landtages, am Freitag zum wiederholten Male mit einem Brandbrief an den Landwirtschaftsminister Peter Hauk wandte und Sofortmaßnahmen forderte, da war die Katze eigentlich schon aus dem Sack – auch wenn Hauks Ministerium noch ein paar Stunden brauchte, um das zu kommunizieren. “Nachdem das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (BVL) heute das Ruhen der Zulassung von Poncho Pro gebeiztem Saatgut veranlasst hat, empfiehlt der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk, die noch verbleibende Aussaat mit Poncho Pro gebeiztem Saatgut auszusetzen”, hieß es schließlich aus Stuttgart. Eine weitgehend unnütze, weil zu späte Empfehlung: Die Maissaat ist inzwischen zu über 90 Prozent abgeschlossen.

Für die badischen Imker stand im Grunde schon seit fast zwei Wochen der Schuldige fest: Das von Bayer Cropscience hergestellte Mittel gegen den Maiswurzelbohrer mit dem Nervengift Clothianidin habe die Bienen auf dem Gewissen, erklärte ein ums andere Mal und mit wachsender Verzweiflung der Vorsitzende des Landesverbandes Badischer Imker, Ekkehard Hülsmann. Dass ihr Produkt mit dem Bienensterben im Zusammenhang steht, hat wohl auch Bayer Cropscience relativ bald geahnt, und so kam für die Agrochemiker die Entscheidung des BLV auch sicher nicht überraschend. Trotzdem sei nicht “das Mittel an sich das eigentliche Problem”, wie Bayer-Cropscience-Sprecher Utz Klages gegenüber “Der Sonntag” erklärte.

Tatsächlich kann man zu Pflanzenschutzmitteln stehen, wie man will – dass es zu dieser Katastrophe gekommen ist, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer Verkettung gleich mehrerer unglücklicher Umstände. Normalerweise verschwindet gebeiztes Saatgut – übrigens eine alte und in vielen Fällen bereits bewährte Methode des Pflanzenschutzes – einfach im Boden, ohne dass außer dem säenden Landwirt irgendjemand Notiz davon nehmen würde. Doch in diesem Jahr ging die Maissaat dicht gedrängt auf wenige Tage über die Bühne. Hinzu kamen trockenes Wetter, lebhafte Winde und – so steht zu vermuten – technisch unzureichend ausgestattete Sämaschinen. So konnte der Abrieb der gebeizten Saatkörner als feiner Staub über angrenzende Felder verteilt werden, wo er von den Bienen als todbringende Verunreinigung aufgenommen wurde. Laut Bayer-Sprecher Klages gibt es auch Vermutungen, dass bei einigen Saatgutpartien Fehler beim Beizen gemacht wurden. Bayer-Cropscience liefert nur das Mittel Poncho Pro aus, die Behandlung der Samen damit erfolgt dann bei speziellen Unternehmen oder, im selteneren Fall, direkt bei den Landwirten.

Die sitzen nun zwischen den Stühlen und fühlen sich in dieser Lage alles andere als wohl, wie Gerhard Henninger, Geschäftsführer des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV), glaubhaft versichert. Schließlich sitze man mit den Imkern letztlich “im gleichen Boot”. Noch dazu wurde das Bienensterben von einem Mittel verursacht, gegen dessen Einsatz sich die Landwirte heftig gesträubt hatten. Nur widerwillig fügten sie sich den Anordnungen beziehungsweise Empfehlungen des Regierungspräsidiums Freiburg, Poncho Pro als vorbeugende Maßnahme gegen den gefürchteten Maiswurzelbohrer einzusetzen. Vor allem in der Ortenau, aber auch in Teilen des Landkreises Lörrach waren Landwirte per Allgemeinverfügung gezwungen, das Mittel einzusetzen, “das ziemlich teuer ist”, wie Henninger erklärt.

Doch auch dem Regierungspräsidium waren im Grunde die Hände gebunden. Laut EU ist der aus den USA eingeschleppte Maiswurzelbohrer, der bei uns keine natürlichen Feinde hat, ein Quarantäneschädling. Das heißt, schon bei kleinsten Hinweisen auf seine Verbreitung müssen drastische Maßnahmen eingeleitet werden.
Nun wird das Desaster an allen Ecken und Enden untersucht. Nicht nur, um ein derartiges Bienensterben in Zukunft zu verhindern, sondern auch, weil die Imker aller Voraussicht nach Schadensersatzforderungen geltend machen werden und nun zu klären gilt, wer letztlich die Verantwortung trägt. Doch auch wenn die badischen Imker entschädigt werden – ihre Lage bleibt extrem angespannt. Die durch andere Krankheiten im vergangenen Winter bereits stark geschwächten Bienenvölker werden es schwer haben, sich wieder zu erholen. Und wenn es ihnen nicht gelingt, dann ist auch die Obsternte in den betroffenen Gebieten im kommenden Jahr gefährdet.

Bereits in diesem Jahr fällt für viele Imker die Honigernte quasi aus. Und von dem, was gesammelt wurde, ist auch noch nicht klar, ob es in den Handel gelangen darf. Derzeit würden Vorproben untersucht, berichtet Armin Spürkin, Fachberater für Imkerei beim Regierungspräsidium Freiburg. Sollten sich dort Spuren des Pflanzenschutzmittels finden, sieht es in diesem Jahr für Honig aus badischen Landen schlecht aus.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 18. Mai 2008

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