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Weblog von Alexander Huber

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“Die Platte kommt wieder”

Den Vinyl-Jüngern auf der Spur – Plattenbörse in Lörrach

Die flinken Finger arbeiten sich rhythmisch voran. “Plap, plap, plap, plap”, macht es leise, dann halten die Finger kurz inne. Sie ziehen ein kleines, flaches, quadratisches Ding aus dem Bananenkarton. “Heart of Gold” steht darauf und “Neil Young”, dazu ist das Konterfei von eben jenem Young zu sehen, als er seinem Namen noch Ehre machte. Dann setzen sich die Finger wieder in Bewegung. Der Eigentümer der Finger, Frank Pohlers, wird an diesem Samstag noch etliche Scheiben aus Kisten und Kartons ziehen. Pohlers sammelt Langspielplatten und Singles.

Auf der Lörracher Schallplattenbörse tritt der Landschaftsbauer aus Adelhausen in zwei Funktionen auf: Er ist Käufer und Verkäufer zugleich. Wobei, wie er betont, das Käuferherz stärker schlägt. Nein, mit einem Plus werde er diese Börse nicht verlassen, wahrscheinlich auch nicht mit einer schwarzen Null, lacht er schon am Morgen, ein paar Stunden später bestätigt sich die Tendenz. “Die Verkäufe laufen schlecht, dafür habe ich gut eingekauft”, gibt Pohlers freimütig zu.

Doch längst nicht alle der rund 20 Händler, die gestern ihre Schätze im Foyer des Burghofs aufgebaut haben, können sich über mangelnden Zuspruch beklagen. Gedrängt geht es zum Beispiel am Stand eines kräftigen Herrn aus Köln zu. Der nennt sich einfach nur “Zappo” – der Name ist Programm. Zappo bezeichnet sich als den bestsortierten Frank Zappa-Händler der Welt, und vermutlich stimmt das auch. Nicht nur Zappa-LPs, selbstverständlich auch Zappa-CDs, dazu Zappa-Kalender, Zappa-T-Shirts, Zappa-Postkarten, Zappa-Sticker und seit Neustem auch Zappa-DVDs gehen bei ihm über die wacklige Theke. Zappo hat einen eigenen Plattenladen in Köln, doch der “ist derzeit relativ oft zu”. Er reist quer durch Europa, von Plattenbörse zu Plattenbörse. Nur nicht in die Schweiz – wegen der Formalitäten, mit denen ihm die Eidgenossen als nicht EU-Mitglieder seinen Handel erschweren. Deswegen schätzt er die kleine, aber feine Plattenbörse in Lörrach. “Da kommen auch die Franzosen und die Schweizer rüber.”

Durchaus zahlungskräftige Kundschaft also, und das ist bei einer Plattenbörse nicht ganz unwichtig. Geld spielt durchaus eine Rolle. “Wer meint, er kann hier billig einkaufen, der ist auf so einer Börse eigentlich nicht ganz richtig”, erklärt Jochen Ballin, der seit über zehn Jahren die Plattenbörse in Lörrach organisiert. Ballin, der selbst einen Plattenladen in der Teichstraße betreibt, weiß, was die Börsenbesucher wollen: Nicht billigen Ramsch, sondern musikalische Perlen – konserviert in einer dünnen Rille auf Vinyl.

Denn obwohl auch CDs auf der Plattenbörse zu haben sind, spielen die doch allenfalls eine untergeordnete Rolle. “Ich mag CDs nicht so”, sagt Zappo nur leichthin, “diese kleinen Schächtelchen”. Es ist Nostalgie, aber auch die Sehnsucht nach einer Welt, die erst durch ihre kleinen Macken schön wird, welche die Liebe zum Vinyl am Leben erhält. “CDs sind perfekt, aber tot”, konstatiert Frank Pohlers, “LPs haben Seele, trotz ihrer Kratzer. Wir Menschen bleiben ja auch nicht ein Leben lang makellos.” Oft totgesagt feiert die Langspielplatte zumindest in der Szene fröhliche Urständ. “Es werden immer mehr LPs verkauft”, weiß Zappo, “die Platte kommt wieder”.

Japan-Pressungen

Auch bei Günther Ahhy steht der CD-Spieler eigentlich nur zur Zierde im Wohnzimmer. Der Emmendinger ist mehr Musikliebhaber als Sammler – Gitarrenrock à la Jimi Hendrix oder Rolling Stones ist sein Metier, Musik hört er “von morgens bis abends”. Verglichen mit anderen ist seine Sammlung mit rund 1 000 Platten eher klein, doch auch Ahhy muss immer wieder mal aussortieren. “Früher, da war es ganz verrückt”, erzählt er, “da sind wir morgens um fünf auf den Flohmarkt und haben die Platten tütenweise nach Hause gebracht. Dann haben wir sie gesäubert, mein Freund hat eine Plattenwaschmaschine, und durchgehört. Was nichts taugte, wurde gleich wieder aussortiert.” Besagter Freund mit der Plattenwaschmaschine wühlt sich auch durch die Kisten. Er ist Sammler von Originalaufnahmen, der schon mal bis zu 500 Euro für ein besonders rares Stück bezahlt. Bis etwa 1975 reicht sein Interessengebiet, die meisten Scheiben landen nach einmaligem Anhören gut archiviert im Schrank. “Die sind so eine Art Aktien.”

Viele der Händler, aber auch der Käufer – meist Männer zwischen 35 und 45, aber auch etliche Frauen – sind wandelnde Plattenkataloge. Da wird über Japan-Pressungen diskutiert, die die besten sein sollen, weil im Land der aufgehenden Sonne besonders gutes Vinyl benutzt wurde, da streitet man sich über die Besetzung von Manfred Mann’s Earth Band Mitte der 80er oder erzählt seinem Kumpel vom letzten Schnäppchen auf dem Flohmarkt, als wiedermal ein Mütterchen eine Südafrika-Pressung für einen Appel und ein Ei verscherbelt hat, weil sie die Hinterlassenschaften ihres Sohnes endlich vom Dachboden geräumt haben wollte.

Doch nur vordergründig geht es um das Materielle. Die meisten hier sind Idealisten, die dem technischen Fortschritt eher reserviert gegenüberstehen, die zunehmend stilloser werdende Kommerzialisierung der Musikszene im tiefsten Innern verachten und immer noch glauben, mit der Gitarre in der Hand ließe sich die Welt wenn schon nicht verbessern, so doch wenigstens verschönern.

Worte wie “Zivilisation” und “Kultur” fallen hier – zwischen The Doors-, Led Zeppelin- und David Bowie-Alben – mehr als einmal. Auch Krivanek Tibor spricht viel von Kultur. Der gebürtige Ungar aus dem Schweizerischen Seewen hat als Einziger nur Klassik-LPs im Angebot und weiß zu fast jeder Scheibe eine kleine Geschichte zu erzählen. Als Fremdkörper fühlt er sich mit Bach, Mozart und Bartok unter den eher Rock-orientierten Kollegen aber keineswegs. Sie alle würden wohl Tibors einfaches Glaubensbekenntnis unterschreiben, ohne mit der Wimper zu zucken. “Es gibt nur zwei Arten von Musik”, sagt er “gute und schlechte”

Alexander Huber, DER SONNTAG, 31. Oktober 2004

1 Kommentar

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Frank pohlers | Winnersatgamin // Jul 28, 2011 at 09:27

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