NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

NullEinsund42 header image

Die vergessene Generation

Wie ältere Suchtkranke um ihr (Über-)Leben kämpfen

Sieht man mir irgendetwas an? Seh’ ich etwa breit aus?” Nein, ganz und gar nicht. Adrian*, der sich nur mit seinem Vornamen vorstellt, erzählt völlig klar, ruhig und besonnen aus seinem Leben. Ein Leben, das alles andere als klar und ruhig verlaufen ist. Als Kind die Mutter verloren, wenige Jahre später den Vater, der den Kummer über den Tod seiner Frau nicht ertragen hat – und auch nicht, dass man ihm seine fünf Kinder weggenommen und ins Heim gesteckt hat. Nach schlimmen Jahren dort bricht Adrian aus, schließt sich der Freiburger Hausbesetzerszene an. Er kifft, “wie damals alle”. Der nächste Schlag kommt mit 26: Seine Freundin verlässt ihn, und die nächste Frau, die in sein Leben tritt, macht ihn mit einem fatalen Stoff bekannt: Heroin. “Am Anfang haben wir das Zeug nur geraucht”, erinnert sich Adrian. “Wir waren doch keine Junkies – dachten wir.” Damals meinte er, alles im Griff zu haben, heute weiß er, dass der Weg im Grunde vorgezeichnet war, als er zum ersten Mal die Droge inhalierte.

Heroinsucht, das bedeutete Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre fast automatisch auch den Beginn einer kriminellen Karriere. Um die Sucht zu finanzieren, beginnt Adrian zu dealen, und recht bald entdeckt er dabei ein gewisses “kaufmännisches Geschick”, wie er heute sarkastisch bemerkt. Die Summen, die er verdient, aber auch zum größten Teil für Stoff wieder ausgibt, erscheinen Adrian heute, da er von Hartz IV und einem Zwei-Euro-Job lebt, astronomisch. Zumal Heroin in dieser Zeit noch um ein Vielfaches teurer war. “Als ich drauf war, kostete ein Gramm 500 Mark, heute bekommst du Heroin für 30 Euro.” Freilich habe der Stoff längst nicht mehr die Qualität von früher, er sei viel stärker gestreckt, Abhängige müssten sich viel öfter mit Nachschub versorgen.

Adrian kennt sich noch aus in der Szene, doch ihn persönlich tangiert die Preisentwicklung von Heroin nicht mehr. Er gehört zu den sogenannten Substituierten, bekommt vom Arzt Methadon auf Rezept. Das Mittel hat ihm geholfen, aus einem Leben herauszukommen, in dem es nur noch eine Frage gibt: Wie komme ich an den nächsten Schuss? Nach Jahren im Knast – “wo du genauso einfach an Drogen kommst wie auf der Straße” – und gescheiterten Therapieversuchen brachte Methadon vor zehn Jahren die Wende. “Seither bin ich nie wieder straffällig geworden”, versichert der heute 45-Jährige.

Ein radikaler Paradigmenwechsel

Die Einführung von Methadon kam im Zuge eines radikalen Paradigmenwechsels in der Drogenpolitik, der sich Ende der 80er-Jahre anbahnte. Was zum Umdenken führte, war damals weniger die Erkenntnis, dass eine Eindämmung der Drogensucht mittels aufwendiger und keineswegs immer erfolgreicher Langzeittherapien schon allein daran scheitern musste, dass längst nicht genügend Therapieplätze zur Verfügung standen. Sondern eher die Furcht, Aids könne auf dem Weg über eine unkontrollierte Drogenszene zur Epidemie werden. Innerhalb weniger Jahre vollzog sich in vielen Bereichen eine Kehrtwende um 180 Grad. “1991 war es uns verboten, saubere Spritzen auszuteilen. 1993 waren wir schon dazu verpflichtet”, erinnert sich Jeanette Piram, Leiterin der Freiburger Drogenhilfe. “1991 haben wir drei Substituierte betreut, heute sind es fast 250″, berichtet die Psychologin und fügt hinzu: “Ich habe das Gefühl, es ging weniger um die Betroffenen, sondern immer in erster Linie um den Schutz der Allgemeinheit – auch heute noch.”

Sie sagt das ohne Verbitterung. Denn in vielen Belangen hat sich das anfangs hoch umstrittene Methadon als Segen entpuppt. Für viele, denn Adrian ist kein Einzelfall: Schätzungsweise 500 bis 600 Substituierte leben in Freiburg. Sie gehören einer inzwischen fast vergessenen Generation von Suchtkranken an. In Zeiten, in denen Spice, Partydrogen, Jugendalkoholismus und auch wieder Marihuana ganz oben auf der Agenda der Drogenpolitik stehen, geraten die “Alten” höchstens noch einmal ins Blickfeld, wenn schlechte Zahlen zu verkünden sind: 190 Drogentote wurden 2008 in Baden-Württemberg gezählt, 35 mehr als im Jahr zuvor. Mit 23 Drogentoten war Freiburg trauriger Spitzenreiter, viele der Opfer waren Langzeitabhängige.

Doch selbst solche Zahlen scheinen nur kurzzeitig aufzuschrecken. “Wir haben davor gewarnt, dass die Zahlen hochgehen”, sagt Adrian, der im Verein Sprungbrett aktiv ist, wo man sich für Substituierte und ehemalige Drogenabhängige engagiert. Schon am 21. Juli 2008, dem alljährlichen Gedenktag für die Drogentoten, habe man auf die fatale Entwicklung aufmerksam gemacht. Interessiert habe das niemanden, stellt Adrian verbittert fest – die Stadt nicht und auch nicht die Medien.

Viele Substituierte und Langzeitabhängige geraten zunehmend in eine kritische Situation. “Der Alterungsprozess beschleunigt sich rapide”, sagt Jeanette Piram, Leiterin der Freiburger Drogenhilfe. Der Körper rächt sich für die Jahre der Sucht, innere Organe sind angegriffen, so gut wie jeder ehemals Abhängige leidet an einer oder mehreren Formen von Hepatitis. Manche haben den HI-Virus in sich, auch wenn die Wende in der Drogenpolitik zu einer Verringerung der Neuinfektionen geführt hat. “Ab 40″, berichtet auch Adrian nüchtern, “beginnt der körperliche und geistige Abbau.”

Beikonsum und Nadelgeilheit

Hinzu kommen weitere Probleme. Methadon sorgt einzig dafür, dass es bei den Suchtkranken zu keinen körperlichen Entzugserscheinungen kommt. Aber es gibt keinen “Kick” und es macht auch nicht “breit”. Ein heißes Eisen bei der Methadon-Substitution ist deshalb der Beikonsum. “Zumindest am Anfang nimmt jeder noch etwas anderes. Es ist nicht einfach, sich darauf einzulassen, dass das Methadon wirklich trägt”, sagt Jeanette Piram. Vor allem Alkohol und Medikamente sind oft mit im Spiel, häufig auch andere, illegale Drogen. Es ist ein wilder, lebensgefährlicher Mix, den viele ihren ohnehin schon angeschlagenen Körpern zumuten.

Ein anderes Thema, das unter ehemaligen Junkies diskutiert wird, ist die für Außenstehende kaum nachvollziehbare “Nadelgeilheit”. Der Kick also, den ein Junkie verspürt, wenn er sich eine Spritze in die Vene setzt. Nicht wenige Substituierte erliegen daher der Versuchung, sich auch das Methadon zu spritzen. Doch das ist nicht gewollt. Das Substitut ist mit Stoffen wie Glucose-Sirup oder Honig versetzt – was einen unter starkem Suchtdruck stehenden Menschen nicht vom Spritzen abhalten kann, dafür aber alles andere als gesundheitsförderlich ist.

Warum darauf bestanden wird, dass Methadon unbedingt im kleinen Plastikbecherchen serviert werden muss, ist nicht so ganz einfach nachvollziehbar. Wie noch andere Dinge in der offiziellen Drogenpolitik. Zum Beispiel, dass sich die Landesregierung gegen die Erkenntnis so gut wie aller Drogenfachleute und sogar gegen die Einsicht der eigenen Sozialministerin weiter beharrlich sträubt, die Diamorphin-Behandlung zuzulassen. Was in der Öffentlichkeit meist unter dem Stichwort “Heroin auf Rezept” diskutiert wird, wäre für eine bestimmte Gruppe, vor allem Schwerstabhängiger, eine große Hilfe. Mit der Vergabe von Diamorphin ließe sich der Beikonsum eindämmen. Zudem wäre das Heroin-Äquivalent verträglicher als Methadon, dessen Nebenwirkungen – wie heftige Schweißausbrüche, Verdauungsstörungen und ein fast völliges Erlahmen der Libido – vielen Substituierten arg zu schaffen machen.

Vor allem aber hätte die Diamorphin-Vergabe den Vorteil, dass sie mit einer intensiveren Betreuung einhergehen muss. Nicht ein Mal wie beim länger wirkenden Methadon, sondern mehrfach am Tag müssten sich die Suchtkranken ihr Mittel abholen. So könnte man sie im Auge behalten, mit ihnen ins Gespräch kommen.

Verzweifelter Mut zum Risiko

Denn ob Methadon, Diamorphin oder andere Formen der Suchttherapie: Letztlich entscheidend ist die psycho-soziale Begleitung, sind die Hilfen beim Aufbau eines neuen Lebens. Ganz egal ob geschluckt oder gespritzt: Kein Mittelchen besorgt einem einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, keines kann gescheiterte Beziehungen verarbeiten und neue aufbauen.

Nicht wenige Ehemalige haben es geschafft, auch weil Mittel wie Methadon ihnen den Rücken freigehalten haben, sich um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens kümmern zu können. Für viele aber reicht die Hilfe, die die Gesellschaft ihnen zu geben bereit ist, nicht aus. “Es fehlt an geeignetem Wohnraum, an Ausbildungsplätzen und Arbeitsstellen”, sagt Jeannette Piram. Und wo die Perspektiven fehlen, steigt mit zunehmendem Alter der verzweifelte Mut zum Risiko. Das ist das eigentlich Lebensgefährliche.

* Name geändert

Alexander Huber, DER SONNTAG, 8. Februar 2009

Keine Kommentare

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar