NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

NullEinsund42 header image

Die wahren Eliten

Warum Sozialberufe bei uns in der Dauerkrise sind – ein Plädoyer für neue Prioritäten

Die Streiks von Erzieherinnen und Sozialarbeitern sind nur Symptome einer Dauerkrise der Sozialberufe. Schlecht bezahlt, von Politik und Gesellschaft nicht für voll genommen, mit mangelndem Selbstbewusstsein und immer noch zu wenig Professionalität ausgestattet, zeigt sich an dieser Berufsgruppe, wie wenig uns Bildung und Erziehung unser Kinder und Jugendlichen tatsächlich wert sind.

Wer seinem Gegenüber enthüllt, man sei Erzieherin oder Sozialpädagoge, kennt ihn vielleicht, diesen zweideutigen Blick. Einen Blick, der sagt: „Schön, dass es Menschen gibt wie dich, die so etwas tun.“ Aber auch: „Jetzt mal ehrlich, hast du nichts besseres gefunden?“ Diese Ambivalenz resultiert zu einem guten Teil schlicht aus der Unkenntnis darüber, was in sozialen Berufen tatsächlich zu leisten ist. Wobei die Angehörigen dieser Berufsgruppe sich vorhalten lassen müssen, dass sie es bis dato kaum geschafft haben, ihr Tun auf eine professionelle Art und Weise an die Öffentlichkeit zu bringen.

Die Unkenntnis reicht bis in höchste politische Kreise und schlägt dort geradezu in Missachtung um. Beispiele dafür sind Legion, für die jüngsten muss man nur wenige Tage zurückgehen. In dieser Woche hat Familienministerin Ursula von der Leyen versucht, unter dem Eindruck spektakulärer (aber sehr vereinzelter) Fälle von Kindesmisshandlung ein neues Kinderschutzgesetz gegen die breite Kritik von Fachleuten durchzupeitschen. Vorerst stoppen konnte sie nur der Koalitionspartner SPD, deren familienpolitische Sprecherin Caren Marks erklärte, sie habe es im Bundestag noch nie erlebt, dass ein Gesetz in einer Anhörung „so fundamentaler Kritik“ ausgesetzt gewesen wäre.

Bei einem anderen höchst umstrittenen Gesetzesentwurf, nämlich den Vorschlägen zur Eindämmung der Kinderpornographie im Internet, hat man die Fachleute erst gar nicht zu Wort kommen lassen. Ist wohl eine völlig abwegige Idee, dass etwa der Kinderschutzbund zu diesem Thema etwas Substanzielles zu sagen hätte.

Während Ministerien sich für Unsummen externen Sachverstand auf ökonomischem und juristischem Gebiet einkaufen, weil den hoch bezahlten Spitzenbeamten dort offenbar die Kompetenzen auf diesen Gebieten abhanden gekommen sind, hört man von Beratungsunternehmen auf sozialem Terrain herzlich wenig. Das ist symptomatisch: Wenn in diesem Land von Eliten die Rede ist, dann geht es in erster Linie um Ökonomen und Juristen, zur Not auch um Naturwissenschaftler und vielleicht auch mal Mediziner. Wie elitär diese Eliten wirklich sind, bekommen wir in diesen Tagen, da die Wirtschaft kollabiert, ja eindrücklich vor Augen geführt.

Lärmpegel eines Düsenjets

Doch müssten in einem Land, dessen einziger „Rohstoff“, dessen einzige Zukunftschance angeblich ein gut ausgebildeter, ein sozial, psychisch und moralisch gefestigter Nachwuchs ist, die Eliten nicht auf ganz anderen Gebieten zu suchen sein? Müssten sich die klügsten Köpfe der Republik nicht in den Kindergärten, Grundschulen und Jugendzentren tummeln?

Warum aber bitte schön, soll eine intelligente junge Frau (oder gar ein intelligenter junger Mann) mit ausgezeichneten Zeugnissen ihre berufliche Zukunft in einem Kindergarten suchen, wo die Gruppen stetig größer, die Vorschriften immer kleinlicher und die Erwartungen der Eltern immer höher, deren eigene Bereitschaft zur Erziehung aber immer geringer wird? Wo regelmäßig ein Lärmpegel herrscht, der dem eines Düsenjets gleichkommt und seit Neustem auch noch Windeln gewechselt und Gemüsebrei verfüttert werden darf? Etwa weil sie dort dann deutlich weniger verdienen wird als ein Müllwerker? (Wobei hier nicht in Abrede gestellt werden soll, dass Letztere ihren Lohn auch redlich verdienen.)

Sie könnte es ja aus Idealismus tun, so lautet dann ein gängiges Argument. Idealismus ist fürwahr eine feine Tugend. Leider auch eine hoffnungslos überschätzte. Eine, mit der man weder die Miete noch Brot und Butter bezahlen kann und, mit Verlaub, auch nicht ansatzweise eine hinreichende Voraussetzung für professionelle Sozialpädagogik. Interessanterweise wird in dieser angeblich so emanzipierten Gesellschaft Idealismus immer noch unterschwellig vor allem vom weiblichen Geschlecht erwartet. Es ist für ein ausgeglichenes Gewissenskonto ja auch ganz schön, wenn die Frau noch einen Teilzeitjob in der Kita hat, während der Mann auf der Bank fragwürdige Anlagepapiere vertickt.

Noch so eine Krux der Sozialberufe: Während in anderen Berufsgruppen Frauen schmerzlich vermisst werden, sind im Erziehungs- und Bildungsbereich Männer nicht mal Mangelware. Sie sind in weiten Teilen schlicht überhaupt nicht vorhanden. Keine Erzieher in den Kindergärten, keine Lehrer in den Grundschulen: Dass Jungs inzwischen immer lauter als die Verlierer von morgen gehandelt werden, liegt auch darin begründet, dass sie in diesen prägenden Einrichtungen kaum je einem erwachsenen Geschlechtsgenossen begegnen. Und wenn doch, dann macht der betreffende Mann ziemlich sicher relativ schnell Karriere. Und das bedeutet im Sozialbereich fast immer: Weg von den Menschen, um die man sich eigentlich kümmern soll, hin zu administrativen und organisatorischen Tätigkeiten. Akten wälzen scheint halt irgendwie mehr wert zu sein als sich mit renitenten Jugendlichen auseinanderzusetzen.

Wunderwaffe Ehrenamt?

Derweil wird die Geringschätzung bis in den kommunalen Bereich kultiviert. Lieber leistet sich eine Kleinstadt mit nicht mal 20000 Einwohnern einen eigenen Wirtschaftsförderer anstatt in Sozialarbeit zu investieren. Wozu auch? Für allfällige soziale Probleme gibt es schließlich eine wohlfeile Wunderwaffe: das Ehrenamt.

Nun ist das Ehrenamt in einer modernen Bürgergesellschaft eine wichtige Sache. Ein Allheilmittel, mit dem sich sämtliche Löcher stopfen lassen, ist es nicht. Profis können ihr eigenes Lied von den Ehrenamtlichen singen – und das tönt nicht immer nur in Dur. In Baden-Württemberg aber meint man, selbst ein so gigantisches Projekt wie die Ganztagesschule ließe sich (fast nur) mit Ehrenamtlichen stemmen.

Für die Leute vom Fach ist das im Grunde ein Schlag ins Gesicht. Sagt man ihnen doch: „Es ist schön, dass ihr 40 Stunden (oder mehr) in der Woche eurer Aufgabe widmen könnt. Doch was ihr macht, kann im Grunde auch jeder Tischlermeister und jede Einzelhandelskauffrau.“

Es ist längst an der Zeit, dass diesem Denken entschieden entgegengetreten wird. Dass Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Lehrer sich ihrer Profession und ihrer Professionalität bewusst werden und sie mit breiter Brust vertreten. Dass sie den Anspruch aufstellen, Elite zu sein – und alles daransetzen diesen Anspruch auch zu erfüllen.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 31. Mai 2009

Keine Kommentare

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar