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Dracula und Kamillentee

Der Brasilianer Paulo Coelho verkauft seine Bücher in Stückzahlen wie Großbäckereien ihre Brötchen, und „Publishers Weekly“ aus New York prophezeite bereits: Coelhos neustes Werk, „Die Hexe von Portobello“ werde „sämtliche Rekorde brechen“.  Das ist so abwegig nicht, trotzdem kann man diese Prognose nur als düster bezeichnen. Denn das Buch ist ein Albtraum. Es geht darin um eine junge, lebenshungrige  Frau – eine rumänische Zigeunerin, die als Baby von libanesischen Christen adoptiert wird und schließlich nach London zieht. Besagte Dame, die sich Athena nennt, entdeckt peu à peu übernatürliche Kräfte in sich und folgt, wie es so schön heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz „ihrer Bestimmung“.

Coelho lässt die Geschichte Athenas von verschiedenen Personen aus ihrem Umfeld erzählen. Das ist kein neuer Kunstgriff, doch könnte er durchaus seine Reize entfalten. Bei Coelho freilich verpufft er völlig wirkungslos: Egal ob befreundeter Journalist, echte Mutter, Adoptivmutter, Meisterin, Schülerin, Rivalin oder sonstwer: Der Tonfall ist immer der gleiche, ihr stinklangweiliges Salbadere ist im Prinzip nur Vehikel, um Meister Cohelhos Weisheiten breitzutreten. Der gibt bisweilen den belehrenden Schlaumeier. Der geneigte Leser erfährt zum Beispiel im Stil eines Was-ist-was-Buches, dass die Griechen das Theater erfunden haben und Ameisen im Sommer Nahrung für den Winter sammeln.

Coelho rühmt sich der Einfachheit seiner Sprache, doch diese Einfachheit birgt nicht den leisesten Hauch von sprachlicher oder gar literarischer Intelligenz. Sie ist schlicht platt und abgedroschen. Das Übelste aber ist der synkretistische Eso-Stuss, der sich über die 300 Seiten breitet wie eine klebrige Pampe. Tänze aus der ostsibirischen Steppe, Kalligraphie aus Dubai, Zigeuner-Mystik, katholische Dogmatik, die große Erdenmutter, Dracula und Kamillentee – Coelho berserkert durch die spirituellen Gefilde dieses Planeten wie ein durchgeknallter Druide durch seinen Kräutergarten. Ohne auch nur aus irgendeiner Quelle irgendetwas ansatzweise Substanzielles schöpfen zu können.

Paulo Coelho: „Die Hexe von Portobello“, Diogenes Verlag, 19,90 Euro.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 30. September 2007

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