NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

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Dümmer als die Natur erlaubt

Dass erst die Biene stirbt und dann der Mensch, soll schon Albert Einstein bemerkt haben. Doch auch ohne gleich die Apokalypse heraufzubeschwören, gibt zu denken, was in den vergangenen Wochen im Rheintal passiert ist. Man kann es sich einfach machen und die Fronten ganz schematisch ziehen: Hier die natur- und erdverbundenen Imker mit ihren fleißigen Völkchen, dort die profitgeile agrochemische Industrie und zwischendrin die Bauern, die, ahnungslos auf den Traktoren hockend, Gift über ihre Felder verteilen. Das klingt nach einer herben Posse für den Stammtisch, da steckt sogar ein Körnchen Wahrheit dahinter – doch die Realität ist mal wieder etwas komplizierter. Zunächst einmal: Freiwillig haben die Landwirte das mit Clothianidin gebeizte Saatgut nicht verwendet. Allein schon, weil es ziemlich teuer ist. Die Verwendung wurde vom Regierungspräsidium Freiburg angeordnet beziehungsweise empfohlen – und zwar, um die Ausbreitung des Maiswurzelbohrers bereits im Keim zu ersticken.

Also sitzen die Buhmänner in Freiburg? Kann man so auch nicht sagen. Der bösartige Käfer ist ein so genannter Quarantäneschädling. Das hat die EU festgelegt – und bringt die Behörden vor Ort damit in Zugzwang. Und die greifen nun nicht aus Jux und Tollerei zum Giftfass. Saatgut zu beizen ist eine uralte Methode der Schädlingsbekämpfung und im Grunde auch eine relativ umweltverträgliche – zumindest im Gegensatz zu den meisten Alternativen: etwa der, per Hubschrauber großflächig Insektizide über die Felder zu verteilen.

Die Lehre aus dem aktuellen Desaster, dem man getrost das Etikett Umweltkatastrophe anhängen kann, ist viel beunruhigender als die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die mit der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln ihr Geld verdienen: nämlich, dass die Risiken wachsen, je weiter wir uns in Richtung industrielle Landwirtschaft bewegen. Man könnte dem Maiswurzelbohrer auch mit konventionellen Methoden begegnen, etwa damit, dass man nicht jedes Jahr Mais auf demselben Feld anbaut. Doch das bedeutet mehr Aufwand für die Bauern und damit steigende Preise. So aber zahlen wir Lehrgeld in Form einer vergifteten Umwelt. Und dieses Lehrgeld werden wir noch oft zahlen müssen, wenn wir meinen, wir könnten in den hochkomplexen Abläufen der Natur künstlich herumdoktern. Das Bienensterben zeigt mal wieder: Auch die schlausten Agrarexperten in Industrie und Politik sind immer noch dümmer, als es die Natur erlaubt.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 18. Mai 2008

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