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Ein freies Bild der Erde

Bei Openstreetmap zeichnen Freiwillige eine digitale Weltkarte

Landkarten sind im Zeitalter des Internets so populär wie noch nie. Google Map und Google Earth zählen zu den beliebtesten Anwendungen auf vielen Rechnern. Die sind zwar in der Regel kostenlos zu benutzen, aber dennoch kein Allgemeingut. Openstreetmap will das ändern. Auf der ganzen Welt kartieren Freiwillige ihre Umgebung. Auch in Schliengen.

Hermann Biller ist Vorstand im Ortsverband der Grünen in Schliengen. Und grüne Themen waren es denn auch, die ihn dazu brachten, sich intensiver mit Openstreetmap zu beschäftigen. Die erste – inzwischen umgesetzte – Idee war, für die Homepage des Grünen-Ortsverbandes einen Wegweiser zu Bioerzeugern in Schliengen und Umgebung zu erstellen. “Mit Hilfe einer Karte lässt sich vieles sehr schön visualisieren”, erklärt Biller. Zum Beispiel die Wasserqualität der Gemeindebäche. Doch mit diesem Projekt stieß Hermann Biller schnell an Grenzen. “Da habe ich erst so richtig gesehen, wie viel von Schliengen noch gar nicht bei Openstreetmap kartiert ist.”

Darum ist nun erst mal Grundlagenarbeit angesagt. Der Weinort wird derzeit Stück für Stück in Openstreetmap nachgezeichnet. An den Wochenenden trifft sich Biller mit einer Handvoll Gleichgesinnter und zieht los. Mit Hilfe von GPS-Geräten werden sogenannte Tracks erstellt. Aufgezeichnet werden so zum Beispiel die Koordinaten von Straßen und Wegen. Nach der Tracking-Wanderung geht die Arbeit am Computer weiter. Über einen Editor werden die Daten aus dem GPS-Gerät in Openstreetmap eingepflegt und danach auf den Server hochgeladen. Kurz darauf steht das aktualisierte Kartenbild der gesamten Welt unter www.openstreetmap.org zur Verfügung.

Openstreetmap orientiert sich an dem Wikipedia-Vorbild: Jeder kann mitmachen, kann Daten eingeben, ergänzen, korrigieren. Obwohl längst nicht so bekannt wie die berühmte Online-Enzyklopädie hat sich auch bei Openstreetmap schon eine beachtliche Gemeinschaft Gleichgesinnter, eine sogenannte Community, rund um den gesamten Globus zusammengefunden. Biller schätzt den Sachverstand und den freundlichen Umgang in der Openstreetmap-Gemeinde. Über eine Mailingliste etwa kann man Anregungen geben, sich über technische Probleme austauschen oder auch um Hilfe rufen. “Ich habe den Bodensee aufgelöst. Wie bekomme ich den wieder zusammen?” war so ein Eintrag auf der Mailingliste, an den sich Biller schmunzelnd erinnert.

Warum nicht Google?

Der Preis der Freiwilligkeit ist allerdings, dass sich Openstreetmap recht uneinheitlich weiterentwickelt. In großen Städten und Ballungsräumen hat das Kartenmaterial inzwischen oft eine Genauigkeit erreicht, die locker mit kommerziellen Angeboten mithalten kann oder sogar noch darüber hinausgeht. In ländlichen Gebieten aber klaffen mitunter noch gewaltige Lücken. Als Hermann Biller in Schliengen mit der Kartierung anfing, waren nur grobe Straßenzüge vorhanden, “außerdem waren die Wälder so in ungefähr eingezeichnet”. Wer sich aktuell auf Openstreetmap die Ortsteile Ober- und Niedereggenen anschaut, der kann dieses rudimentäre Anfangsstadium noch nachvollziehen. Doch manchmal ist es nur eine Frage von Tagen oder gar Stunden, dass sich die Karte wieder ein Stück weiter vervollständigt.

Eine der häufigsten Fragen, die Openstreetmapper zu hören bekommen: “Warum macht ihr das eigentlich, wo es doch Google Maps gibt?” Die etwas flapsige Antwort der Community: “Google Maps ist frei wie Freibier, aber nicht frei wie freie Meinungsäußerung.” Will heißen: Auch wenn man das Google-Angebot (und andere ähnlicher Art) kostenlos nutzen kann, so gehört es doch nicht der Allgemeinheit und unterliegt einem Copyright. Niemand weiß, ob und wann die Nutzungsrechte einmal geändert werden. Auch ist die rechtliche Lage oft unklar, wenn man etwa das Google-Kartenmaterial für eigene Zwecke weiterverwendet.

Openstreetmap will da Sicherheit schaffen. Jeder kann die Karten und die zugrundeliegenden geografischen Daten frei verwenden, solange er dann seine Arbeit unter die gleiche, freie Lizenz stellt. Schon jetzt hat diese Freiheit in der Community einen enormen Kreativitätsschub ausgelöst. Ob man die Gewässergüte veranschaulichen will, wie Hermann Biller es vorhat, seine eigene Radwanderkarte erstellt, Verkehrsinformationen hinterlegt oder die besten Imbissbuden einzeichnet: Möglich ist (fast) alles – etwas technisches Know-how vorausgesetzt.

Für Biller und seine Mitstreiter hat Openstreetmap aber noch ganz bodenständige Nebeneffekte: Bewegung an der frischen Luft – und ein Erkunden der eigenen Umgebung, wie es intensiver kaum sein könnte.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 11. Oktober 2009

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