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Elektropop und Biowein

Warum Avantgarde-Künstler Dieter Meier in Argentinien Landwirtschaft betreibt

Wie dieser nicht mehr ganz junge, sehr elegante Herr in der bestens sortierten Wein-Abteilung der Basler Globus-Filiale Proben ausschenkt, Flaschen signiert und gut gelaunt ein Pläuschchen hier und ein Pläuschchen da hält, käme man nicht unbedingt auf die Idee, eine doch recht ungewöhnliche Geschichte hinter dieser Promotion-Veranstaltung zu vermuten. Doch natürlich wissen alle Anwesenden, wer ihnen hier den feinen Roten aus Argentinien einschenkt: Dieter Meier ist in der Schweiz eine Art Nationalheiligtum und über die Grenzen des Alpenstaats hinaus bekannt.
Vor allem bei denen, die schon länger ein Faible für Avantgarde-Kultur haben. Der Mann mit dem fast verdächtig unspektakulären Namen machte schon immer gern mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam: Einer Zürcher Bankiersfamilie entstammend versuchte er sich als Poker-Profi und nur mäßig erfolgreicher Theaterautor, überreichte 1971 in New York allen Passanten, die ihn mit “Yes” oder “No” anredeten, einen Dollar samt Quittung und irritierte mit originellen Aktionen Besucher der Kassler Documenta. Der Durchbruch kam Ende der 1970er-Jahre, als er zur Schweizer Gruppe Yello stieß, deren Stimme wurde und in der Folge gemeinsam mit Boris Blank die Entwicklung des Elektropops mit beeinflusste.

Nun also Rotwein. Bio-Rotwein, um genau zu sein. Und Bio-Rindfleisch. “Landwirtschaft hat mich schon seit meiner Jugend fasziniert”, sagt der inzwischen 63-jährige Meier – und das verwundert bei der bewegten Lebensgeschichte dann nicht mehr wirklich. Auch wenn man weiß, dass Meier, der sich als “Individual-Anarchist” bezeichnet haben soll, Videoclip-Pionier war und an einer Firma beteiligt ist, die Mischpulte herstellt – was nicht unbedingt ins landläufige Bild eines Gaucho passt.

“Wie im 19. Jahrhundert”

Doch das Leben eines Viehzüchters hat der umtriebige Schweizer seit zwölf Jahren intensiv kennen und lieben gelernt. “Mit meiner Familie lebe ich hier wie im 19. Jahrhundert, total abgeschieden – die Tage haben einen völlig anderen Rhythmus”, sagt Meier. Schon als er in den 70er-Jahren zum ersten Mal nach Argentinien kam, keimte der Gedanke, dort ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Doch warum ausgerechnet im fernen Argentinien?

“Um sinnvoll Biolandwirtschaft zu betreiben, sollten die Pflanzen, die man kultivieren möchte, quasi wie Unkraut gedeihen”, erklärt Meier. Auf seinen Rebflächen im Mendoza-Gebiet findet er ideale Voraussetzungen für den Weinbau. Große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht fördern die Entwicklung der Aromen – etwa in den Trauben der argentinischen Nationalsorte Malbec -, vor allem aber regnet es in der Reifeperiode nicht. “Keine Feuchtigkeit von oben bedeutet keine Krankheiten”, sagt Meier. “Ich kann auf Spritzmittel verzichten und warten, bis die die optimale Reife erreicht ist.” Bewässert werden die Rebstöcke direkt über der Wurzel mit Schmelzwasser aus den nahe gelegenen Anden.

10000 Rinder

Das Ergebnis sind kraftvolle Tropfen im Bordeaux-Stil, die Meier, wenn überhaupt, nur sehr sparsam mit dem kleinen Holzfass in Verbindung bringt. Sein persönlicher Favorit ist ein Malbec, den er ganz vom Barrique fern gehalten hat – so kommt die schöne Frucht besonders gut zur Geltung.

Die Tropfen sind vor allem passende Begleiter zu Rindfleisch-Gerichten. Globus-Kunden haben derzeit die Gelegenheit, auch den Braten in Bioqualität aus Meierscher Erzeugung zu bekommen. Auf den 20000 Hektar seiner beiden Estancias “Ojo de Agua” und “Algarobo” weiden rund 10000 Rinder der Rasse Hereford.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 4. Mai 2008

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