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“Endlich spricht es einer aus”

Warum die Dopingvorwürfe gegen Freiburger Sportärzte nicht wirklich überraschen

“Endlich.” So lautet die erleichterte Reaktion eines früheren Hilfswissenschaftlers (Hiwi) der Universitätsklinik Freiburg, Abteilung Rehabilitative Sportmedizin, auf die Veröffentlichung D’Honts. Bereits Mitte der 90er-Jahre hatte er, der namentlich nicht genannt werden möchte, geahnt, was sich hinter den Kulissen abspielt. “Vermutet haben es viele von denen, die dort tätig waren.” Merkwürdig erschien dem damaligen Hiwi zum Beispiel, dass bei den Radsportlern häufig mit Kochsalz-Lösungen hantiert wurde. Damit, so die Vermutung, konnte das Blut verdünnt und wieder auf einen unkritischen Hämatokritwert – der Hinweise auf Epo-Doping geben kann – gesenkt werden. Verwunderlich war auch, dass sich damals gleich zwei Ärzte um die rund zehn Radprofis kümmerten. “Wir gingen nicht davon aus, dass sich die Athleten über kleine Wehwehchen mit den Ärzten austauschten.”

“Endlich spricht es mal einer offen aus.” Das ist auch die Reaktion des Fernsehjournalisten Fred Kowasch von interpool.tv. Kowasch hat gemeinsam mit Ralf Meutgens seit vielen Jahren die Doping-Machenschaften im Visier – und speziell die Uniklinik Freiburg. Ende der 90er-Jahre habe es erste Hinweise gegeben, so Kowasch, dass auch das Team Telekom tief im Epo-Sumpf steckte. Kowasch und Meutgens drehten Reportagen über die Verstrickungen des Bonner Rennstalls und seiner Freiburger Teamärzte, unter anderem für die ARD, doch Kowasch deutet an, dass etliche Programm-Verantwortliche diese Art des investigativen Journalismus mit zunehmendem Unbehagen verfolgten.

Das Unbehagen gegenüber Teilen der Freiburger Sportmedizin in Sachen Doping reicht freilich noch viel weiter zurück. Anti-Doping-Experten wie der Journalist Andreas Singler und der Heidelberger Sportwissenschaftler Gerhard Treutlein sprechen von der “Freiburger Schule”, in deren Zusammenhang vor allem zwei Namen fallen: Joseph Keul und Armin Klümper. Keul, der 2000 verstarb, war Vorgänger von Hans-Hermann Dickhuth, dem heutigen Leiter der Abteilung Präventive und Rehabilitative Sportmedizin. Keuls – gelinde gesagt – laxe Einstellung zu leistungssteigernden Mitteln ist gut dokumentiert. Mitte der 70er-Jahre kämpfte er relativ unverhohlen für eine Freigabe des Anabolika-Dopings – und genoss dabei übrigens die Unterstützung Wolfgang Schäubles, damals Sportexperte in der CDU. Auch der eingangs zitierte Hiwi hat noch Erinnerungen an Keul: “Für Professor Keul waren wir regelmäßig in der Apotheke” – offenbar für den Eigengebrauch. “Wahnsinn, wie fit der war.”

Noch zweifelhafterer Ruf

Einen noch zweifelhafteren Ruf in Zusammenhang mit Doping genießt Armin Klümper, langjähriger Leiter der Sporttraumatologischen Spezialambulanz der Mooswaldklinik, der ebenfalls zeitweise an der Freiburger Uniklinik tätig war. 1998 stellte die Staatsanwaltschaft Freiburg ein Verfahren gegen Klümper wegen Körperverletzung ein. Die Hürdensprinterin Birgit Hamann hatte Klümper vorgeworfen, er habe sie ohne ihr Wissen gedopt. Eine gesundheitliche Schädigung Hamanns konnte die Staatsanwaltschaft damals nicht feststellen – daher die Einstellung des Verfahrens -, doch die Verabreichung von Dopingmitteln hielten auch die Ermittler für überaus wahrscheinlich. Ermittlungen gegen Klümper gab es auch beim Todesfall der vor zehn Jahren verstorbenen Mehrkämpferin Birgit Dressel, die ab 1981 Patientin des Mediziners war. Und erst im vergangenen Jahr erzählte Turnlegende und heutiger CDU-Bundestagsabgeordneter Eberhard Gienger mit bemerkenswerter Naivität von Klümpers Freizügigkeit bei der Medikamentenvergabe.

Die jetzt ins Fadenkreuz geratenen T-Mobile-Ärzte Heinrich und Schmid gehören zum engeren Kreis dieser “Freiburger Schule”, sie waren Schüler und Assistenten von Joseph Keul. Gemeinsam mit Keul forschten sich auch an Nachweis-Methoden zu Epo; die Telekom zahlte dafür zwischen 1998 und 2001 eine Million D-Mark. Was aus diesen Forschungen wurde – und ob sie womöglich nicht zur Aufklärung, sondern zur Verschleierung benutzt wurden – ist eine der vielen offenen Fragen, die nun, hoffentlich, von der versprochenen Expertenkommission geklärt werden.

Lothar Heinrich und Andreas Schmid haben stets jegliche Verstrickungen in das berüchtigte Epo-Doping bestritten, doch es mehren sich die Zeichen, die darauf hinweisen, dass seit Anfang/Mitte der 90er-Jahre bis mindestens zur Einführung von Epo-Tests im Jahr 2001 das eigentlich für Nierenkranke entwickelte Medikament quasi flächendeckend im Profiradsport verbreitet war. Weil schon damals der Verdacht nahe lag, dass mysteriöse Todesfälle unter Ausdauersportlern auf die unkontrollierte Einnahme von Epo zurückzuführen sein könnten, verhängte der Weltradsportverband UCI 1997 eine Schutzsperre bei Hämatokritwerten von über 50 Prozent.

Der angesehene Schweizer Sportmediziner Hans Howald schrieb dazu ebenso selbstverständlich wie kategorisch: “Aus heutiger Sicht darf behauptet werden, dass die gut gemeinte Maßnahme regelmäßiger Blutkontrollen zur fatalen Weiterverbreitung des Dopings mit Epo geführt hat, indem die Fahrer unter Anleitung ihrer Teamärzte lernten, ihren Hämatokritwert durch entsprechende Dosierung oder notfalls durch Blutverdünnung mittels Infusion knapp unter der kritischen Grenze zu halten. Auf diese Weise”, so Howald, “wurden die Mannschaftsfahrzeuge zu rollenden Apotheken und Laboratorien.”

Entzweite Freunde

Kleine Bemerkung am Rande: Hans Howald war selbst in den 70er-Jahren eine Zeit lang an der Freiburger Uniklinik tätig und zählte sich zu Joseph Keuls Freundeskreis, bis sich die beiden entzweiten – aufgrund unterschiedlicher Ansichten zur Dopingproblematik, wie Howald erzählt.

Beunruhigende Indizien gibt es also viele, doch bis Beweise für eine Doping-Verstrickung vorliegen, klammert sich der Arbeitgeber von Heinrich und Schmid, die Uniklinik Freiburg, durchaus verständlicherweise an die Unschuldsvermutung. Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor, hat von beiden eine Stellungnahme erbeten. Mündlich hätten die beiden Ärzte bereits versichert, dass an den Vorwürfen gegen sie nichts dran sei. Brandis hat den Ärzten geraten, keine Interviews mehr zu geben. Das befolgen sie seit über einer Woche. Zudem beraten sie sich mit ihren Anwälten, wie sie sich weiter verhalten sollen.

Alexander Huber und Klaus Riexinger, DER SONNTAG, 6. Mai 2007

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