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Fortschrittliche Rückbesinnung

Zentrum einer globalen Bewegung: In der Schola Cantorum Basiliensis studieren junge Menschen Alte Musik

Anna Schall heißt sie – die junge Dame, und in diesem Moment macht sie ihrem Namen alle Ehre. Reichlich überraschend für den bis dahin unkundigen Zuhörer kommt ein kräftiger, ungemein voller Ton aus diesem flötenähnlichen und zugegebenermaßen etwas primitiv ausschauenden Instrument. Nein, eine Flöte sei das nicht, hat Anna Schall vorher noch erklärt und auf des trichterförmige Mundstück verwiesen, das man in ähnlicher Form sonst auf Trompeten findet. Zink heißt dieses Instrument, von dem selbst viele halbwegs musikinteressierte Zeitgenossen noch nie etwas gehört haben dürften. Eine Kreuzung also aus Flöte und Trompete, die vor allem im 16. und 17. Jahrhundert sehr geschätzt wurde, weil der Klang des Zink die menschliche Stimme recht gut zu imitieren vermag.

Und so sind denn – trotz des eher schlichten Äußeren – die Töne, die Anna Schall mit ihrem Instrument produziert, alles andere als primitiv. Die raffinierten Läufe des Zink schmiegen sich an den transparenten Klang des Cembalos, das Johannes Keller spielt. In diesem Augenblick braucht es nicht mehr viel Phantasie, um sich auf eine kleine Zeitreise zu begeben. Die festlich-altertümliche Musik, der kühle, etwas abgedunkelte Raum voller Instrumente in dem alten Gebäude in der Basler Innenstadt: Fast könnte man sich auch in einem italienischen Palazzo zur Zeit der Renaissance wähnen – wären da nicht die grünen Plastikflaschen, die die beiden jungen Musiker mitgebracht haben, um sich in ihren Probepausen etwas erfrischen zu können.

Anna Schall und Johannes Keller sind Studenten der Schola Cantorum Basiliensis, der Hochschule für Alte Musik in Basel. Die “Schola”, wie sie von den Studenten meist nur kurz genannt wird, ist Teil der Basler Musik-Akademie und in ihrer Art, meint Direktorin Regula Rapp, weltweit einzigartig. Wer Alte Musik studieren will, wird an anderen Musikhochschulen an spezielle Abteilungen, Studiengänge oder Institute verwiesen. In Basel gibt es mit der Schola dafür eben eine ganze Hochschule, und das, sagt Rapp, “ist ein Glücksfall, der so heute nicht mehr realisierbar wäre”.

Verantwortlich für den “Glücksfall” war ein gewisser Paul Sacher, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird. Der bedeutende Basler Musik-Mäzen, der 1999 starb, gründete die Schola 1933 als privates “Lehr- und Forschungsinstitut” und stellte der Schule einige Jahre später auch die Räumlichkeiten in der Leonhardsstraße zur Verfügung, in der sie bis heute in unmittelbarer Nähe zur Musik-Akademie residiert.

Sacher machte sich auch einen Namen als großzügiger Förderer von Komponisten des 20. Jahrhunderts; warum also gründete er eine Hochschule für Alte Musik? Nur auf den ersten Blick scheint dies ein Widerspruch. So paradox es klingen mag: Die Wiederentdeckung der Musik des Barock, der Renaissance und noch älterer Epochen, die zur Zeit der Schola-Gründung langsam begann und in der Folge in eine weltumspannende und immer noch wachsende Bewegung mündete, war – und ist bis heute – im Grunde ein höchst progressives, wenn nicht gar revolutionäres Unterfangen.

Die Hinwendung zum “Alten” speiste sich nicht nur aus purem Interesse, sondern auch aus einer gewissen Rebellion gegen das Establishment des “klassischen” Musikbetriebs, der vielen Musikliebhabern erstarrt schien, und augenscheinlich keinerlei Raum mehr für Innovation und Experimente bot.

“So ähnlich wie im Jazz”

Die Zeit der allzu deutlichen Abgrenzung allerdings ist inzwischen vorbei. An der Schola kann man auch Mozart’sche und Schubert’sche Klänge hören, doch das Selbstverständnis eines stetig forschenden, innovativen und spontan agierenden Musikbetriebs ist geblieben. Etwa, wenn Regula Rapp betont, dass man sich in Zukunft noch stärker als bisher dem Thema Improvisation widmen wolle, weil die Musik ja damals “nie genau so gespielt wurde, wie sie auf dem Papier stand”. Oder wenn Johannes Keller erklärt, er habe gar keine feste Notenvorlage, sondern improvisiere seine Cembalo-Begleitung über Akkorde – “so ähnlich also wie im Jazz”. Wahrscheinlich ist dieser Eindruck von Frische und Spontaneität auch ein wichtiger Teil der Antwort auf die Frage, die sich mit Blick auf die Schola unweigerlich stellt: “Was haben junge Menschen mit alter Musik am Hut?”

Und es sind ja nicht wenige. Ihre etwa 200 Studienplätze zu belegen, damit hat die Schola kein Problem. Eher damit, aus der großen Zahl der Bewerbungen eine Auswahl zu treffen. Wer einen Platz in der Schola ergattert hat, auf den wartet ein durchaus attraktives Studium, das allerdings ein enormes Maß an Selbständigkeit und Disziplin voraussetzt. Im Zentrum steht der Instrumental- oder, bei Sängern, der Gesangsunterricht; daneben müssen sich die jungen Musiker unter anderem in Gehörbildung, Satzlehre und Instrumentenkunde schulen. Wer ein Instrument studiert, muss trotzdem auch Gesangsunterricht nehmen, daneben gibt es Unterweisungen in historischem Tanz. Und weil es gilt, nicht nur die technisch-musikalischen Fähigkeiten zu entwickeln, sondern möglichst tief in die Zeiten einzudringen, in denen die nun so geschätzte Alte Musik entstand, stehen natürlich auch musikgeschichtliche Vorlesungen auf dem Programm.

Die Lerngruppen sind in ihrer Größe überschaubar, sehr viel – vor allem die Instrumental- und Gesangsstunden – läuft im Einzelunterricht. Die Dozenten der Schola reisen aus der ganzen Welt an, um den Nachwuchs zu unterrichten. Für Kenner liest sich die Liste der Lehrer wie ein Who-is-who der Alte-Musik-Szene: Katharina Arfken (Oboe), Jörg Andreas Bötticher und Jesper Christensen (beide Cembalo und Orgel), Bruce Dickey (Zink), Andreas Scholl (Countertenor) und Evelyn Tubb (Sopranistin), um nur einige Namen zu nennen.

Tatsächlich dürfte es nur wenige in der Alte-Musik-Bewegung geben, die nicht irgendwann, irgendwie im Laufe ihrer Karriere mit der Schola zu tun gehabt hätten. Paul Sachers Pionierleistung hat dafür gesorgt, dass die Stadt am Rheinknie zum Kristallisationspunkt einer Szene geworden ist, die weiterhin stetig wächst – “Wir haben derzeit als einzige noch Zuwachsraten im Tonträgerverkauf” (Rapp) – und längst global genannt werden kann.

Als Deutsch sprechende Studenten sind der aus dem Thurgau stammende Johannes Keller und die Tübingerin Anna Schall fast schon Exoten in der Schola Cantorum. Franzosen, Engländer, Amerikaner, Israelis, Koreaner… Mit der von Bildungsexperten geforderten stärkeren Internationalisierung der Hochschulen habe man kein Problem, schmunzelt Regula Rapp. Derzeit gebe es eine starke Nachfrage südamerikanischer Studenten, berichtet die Direktorin, die erst vor einem knappen Jahr ihren Posten als Chefdramaturgin bei Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin aufgab und nach Basel wechselte.

Neue Perspektiven durch Alte Musik: Vieles, betont Rapp, gebe es noch zu erforschen. Wie jung und verhältnismäßig unverbraucht die Szene ist, macht Johannes Keller deutlich: “Wir sind im Grunde die erste Generation, die auf schon vorhandenem Wissen aufbauen kann. Unsere Lehrer mussten sich noch ganz viel selbst aneignen, mussten Dinge ausgraben und ausprobieren.” Und das, berichtet Anna Schall, hatte mitunter ganz praktische Auswirkungen. Ihr Lehrer musste sich Zinken noch selbst schnitzen. Das immerhin bleibt ihr erspart.

Schola Cantorum Basiliensis: www.musakabas.ch/scb/

Alexander Huber, DER SONNTAG, 27. August 2006

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