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Ge- und verunstalten

Markgräfler Museum zeigt Fotografien von Walter Derungs

Wie und wo lebt der Mensch? Wie eignet er sich den Raum um sich herum an? Wie ge- und verunstaltet er seine Umgebung? Es sind solche Fragen, denen der Fotograf Walter Derungs in menschlichen Siedlungen auf der ganzen Welt nachspürt. Das Markgräfler Museum zeigt in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Kunst aktuelle Werke des in Basel lebenden Künstlers, der auch in Müllheim auf Entdeckungstour gegangen ist.

Das typische Müllheim hat Walter Derungs dabei nicht gesucht. Vor allem die Randbereiche des Ortes hat er im Frühjahr dieses Jahres “mehrfach abgeschritten”, berichtet der Fotograf. Und so wird der Betrachter auch keine schmucke Altstadt-Architektur und keine lauschigen Gartenecken entdecken, an denen in Müllheim ja keinesfalls Mangel herrscht. Gewiss, der Müllheim-Kenner wird das eine oder andere Bild verorten können, doch um den Wiedererkennungseffekt im Bezug auf eine bestimmte Örtlichkeit geht es Derungs auch gar nicht. Eher darum, wie der Mensch grundsätzlich seine Umwelt gestaltet, wie er vorgeht, wenn es darum geht, neuen Raum zum Wohnen, zum Arbeiten oder zum Sich-Fortbewegen in Beschlag zu nehmen.

Der 1970 in Chur geborene Künstler, der zunächst in Basel Bildhauerei studierte, hat dies schon an vielen verschiedenen Orten der Welt getan. In Australien, Ägypten und Portugal zum Beispiel. Was Derungs immer wieder besonders reizt, ist die Stellen aufzuspüren, wo sich der von Menschen verbaute Raum an die Grenze zur Natur begibt – eine Grenze, die ständig in Bewegung und oft nur ungenau, wenn überhaupt, zu definieren ist. Auffallend: Derungs interessiert das von Menschen Gemachte, doch die Schöpfer und Nutzer selbst erscheinen auf seinen Bildern so gut wie nie. “Sobald Menschen auftauchen, wird das Bild psychologisch aufgeladen”, sagt der Fotograf, der den Betrachter nicht von den von ihm entdeckten Strukturen ablenken will.

Mit Schwamm entwickelt

Deren Dokumentation sieht Walter Derungs eher nüchtern. Wenn er von einem gewissen ästhetischen Reiz berichtet, den etwa Bauruinen in der ägyptischen Wüste auf ihn ausüben, dann zeigt sich auch, wie ambivalent gerade Architektur heutzutage aufgenommen wird. Wo die einen sich von einem gewissen morbiden Charme kitzeln lassen, empfinden andere nur noch tiefe Tristesse angesichts der nur allzu oft scheiternden Versuche menschlicher Raumgestaltung. Derungs Werke lassen beide Deutungen zu – und noch mancherlei dazwischen -, er selbst aber will seine Arbeiten bewusst nicht als ästhetische oder gar gesellschaftliche Kritik verstanden wissen.

Während der Basler Fotograf auf der Suche nach seinen Motiven vor allem einem Entdecker gleicht, der die Realität nicht neu arrangieren, sondern “nur” aus einer neuen Perspektive sehen will, legt der Künstler durchaus Hand an sein Material, sobald es das Gehäuse der Kamera verlassen hat. Derungs arbeitet noch mit analogen Kleinbild-, Mittel- und Großformatkameras und bezieht die Dunkelkammer oft in den künstlerischen Prozess mit ein.

Die eindrucksvollste Serie der Müllheimer Ausstellung mit dem Titel “Ruins in Reverse” ist aus Diapositiven entstanden, deren großformatige Abzüge nun Negativbilder zeigen. Die Entwicklerflüssigkeiten hat Derungs mit dem Schwamm aufgetragen, was beinahe wie das Auftragen von Farbe mit einem Pinsel wirkt und einen spannenden Kontrast zu den starren architektonischen Strukturen erzeugt, die auf den Fotos zu sehen sind. Auch bei diesen Bildern beschäftigt sich Derungs wieder mit Bauruinen – schon in dem Begriff steckt ja eine interessante Widersprüchlichkeit. Indem der Basler Künstler sie als Negativ zeigt, also so, das alles Helle nun dunkel und alles Dunkle hell wird, verstärkt er das Widersprüchliche und Unwirkliche und zu einem beeindruckenden Effekt, der große ästhetische Qualität besitzt.

“Raumgreifend”. Ausstellung von Walter Derungs im Markgräfler Museum Müllheim. Bis 26. Oktober. Dienstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 20. Juli 2008

[Nachträgl. Anm.: Weitere Infos zum Künstler gibt es unter walterderungs.ch.]

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