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Gut und teuer

Vorbild Schweiz? Wie das Gesundheitssystem der Eidgenossen funktioniert

Kopfpauschale – seit FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler angekündigt hat, das deutsche Krankenversicherungssystem grundlegend umbauen zu wollen, ist dieses Schlagwort in aller Munde. In der Schweiz gibt es traditionell ein solches einkommensunabhängiges Modell. Doch wie genau funktioniert es? Und wo liegen seine Stärken und Schwächen?

Das Schweizer Gesundheitssystem ist ausgesprochen gut – und es ist ausgesprochen teuer. Rund 3200 Euro wurden dort 2007 für Gesundheitsausgaben aufgewendet, das ist deutlich mehr als in Deutschland, das mit rund 2600 Euro pro Kopf aber auch noch über dem Durchschnitt in der EU liegt. Weltweit gesehen ist das Gesundheitssystem der Eidgenossen das viertteuerste, an der Spitze liegen – was manchen überraschen dürfte – die USA mit etwa 5300 Euro pro Kopf.

Die hohen Ausgaben der Schweizer Nachbarn erlauben unzweifelhaft eine ausgezeichnete Gesundheitsversorgung. Bei fast alle Indikatoren, mit denen medizinische Qualität gemessen wird, liegen die Schweizer nicht nur welt- sondern auch europaweit vorne. Bei der Lebenserwartung etwa (bei der allerdings noch andere Faktoren als die medizinische Versorgung eine Rolle spielen) belegt die Schweiz mit 80,6 Jahren weltweit einen elften, in Europa einen dritten Platz – knapp hinter Frankreich und Schweden. Deutschland rangiert mit 79,3 Jahren auf Rang 32 in der Welt.

Für die gute Versorgung sind die Eidgenossen freilich auch bereit, tiefer in ihre eigenen Taschen zu greifen als dies etwa hierzulande der Fall ist. Rund 30 Prozent der Gesundheitsausgaben zahlen die Schweizer direkt aus dem eigenen Geldbeutel, in Deutschland sind es gerade mal 13 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Leistungen der Krankenversicherungen sind in der Schweiz deutlich eingeschränkter und die Kostenbeteiligung der Patienten ist deutlich höher als bei uns.

Das Schweizer System beruht im Wesentlichen auf zwei Säulen: Da ist zum einen eine die obligatorische Krankenversicherung, die seit 1996 für jede in der Schweiz lebende Person verpflichtend ist. Die Krankenkassen kassieren dafür Prämien, und zwar unabhängig vom Einkommen und grundsätzlich pro Kopf – die sogenannte Kopfpauschale. In der Praxis allerdings ist das System sehr differenziert: Es gibt ein komplexes Angebot von Prämienverbilligungen etwa für einkommensschwächere Haushalte und Haushalte mit Kindern. Diese Ermäßigungen, die über Steuern finanziert werden, haben in der Schweiz inzwischen beachtliche Dimensionen angenommen: 1996 gab es für 23 Prozent aller Schweizer Haushalte Pramienermäßigungen, 2004 schon für rund ein Drittel.

Eine Besonderheit und – wie Fachleute meinen – auch eine Schwäche des Schweizer Systems ist die starke Zersplitterung. Sowohl die Grundversorgung als auch die Versicherung ist strikt nach Kantonen organisiert. Bei den Krankenversicherungsprämien führt dies zu erheblichen regionalen Unterschieden: Zahlte 2007 ein Erwachsener ab 26 Jahren monatlich durchschnittlich eine Prämie in Höhe von 216 Schweizer Franken im günstigsten Kanton, in Nidwalden, war es im teuersten, in Genf, mit 423 Franken fast das Doppelte. Die Durchschnittsprämie bei der obligatorischen Krankenversicherung lag 2007 bei 313 Franken monatlich.

Darin enthalten sind aber, wie bereits angedeutet, weniger Leistungen als etwa im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland. Zahnbehandlungen zum Beispiel sind in der Regel nicht mitversichert, ebenso wenig Brillen, Kontaktlinsen oder eine Versicherung für den Lohnausfall. Auch bleibt die Krankenhausbehandlung in der Grundversicherung auf den jeweiligen Wohnkanton beschränkt.
Große EinsparpotenzialeDie zweite Säule im Schweizer System besteht daher aus einer breiten Palette an Zusatzversicherungen. Im Gegensatz zur obligatorischen Krankenversicherung, die es den Versicherern verbietet, damit Gewinn einzufahren, sind die Anbieter bei den Zusatzversicherungen in der Prämiengestaltung frei. Auch sind sie hier nicht gezwungen, jeden Antragsteller auch aufzunehmen.

Grundsätzlich sei die Akzeptanz für dieses System in der Schweiz hoch, hat Theodor Sproll beobachtet. Der Leiter des Studiengangs Health Care Management an der Dualen Hochschule in Lörrach, der sich intensiv mit dem internationalen Vergleich von Gesundheitssystemen beschäftigt, stellt aber auch fest: “Wenigstens einmal im Jahr, wenn wieder die Prämien erhöht werden, haben Sie in der Schweiz die gleich Diskussion wie bei uns.” Mehr und mehr erkenne man dort, so Sproll, dass in dem System noch recht große Einsparpotenziale brachliegen: Die Aufenthaltsdauer in den eidgenössischen Spitälern ist trotz einer sehr guten ambulanten Versorgung noch deutlich höher als etwa in Deutschland; die Aufwendungen für Arzneimittel aufgrund des nur geringen Einsatzes von Generika ebenfalls. Vor allem aber müsste die Schweiz ihr stark zersplittertes System harmonisieren, meint Sproll – diese Empfehlung hat auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den Eidgenossen in ihr Stammbuch zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems geschrieben.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 7. Februar 2010

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