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Handgemachtes Beben

Basler Erdstoß vom Freitag ist ein Rückschlag für die Geothermie in der Region

“Alles unter Kontrolle, alles im grünen Bereich” – so lautete der Tenor einer Pressemitteilung von Geopower Basel, die noch bis gestern Morgen im Internet zu lesen war. Datiert war die Mitteilung auf den 8. Dezember – den frühen 8. Dezember muss man nun hinzufügen, denn um genau 17.48 Uhr war an diesem Freitag nichts mehr unter Kontrolle. Ein Erdstoß der Stärke 3,4 laut Schweizerischem Erdbebendienst (3,6 laut Landeserdbebendienst in Freiburg) – mit Epizentrum unter der Stadt Weil am Rhein – erschütterte die Region und war angeblich bis hinauf nach Müllheim zu spüren. Hunderte besorgter Anrufe gingen bei der Polizei ein, aus Basel wurden kleinere Schadensmeldungen bekannt, verletzt aber wurde offenbar niemand.

Das Projekt Deep Heat Mining ist deutlich größer dimensioniert als alle bisherigen Erdwärme-Projekte der Region. Man will ausloten, wie sich mit heißem Wasser, heraufgepumpt aus bis zu 5000 Metern Tiefe, zuverlässig Energie erzeugen lässt. Anlagen dieser Art sind auch für die Region rund um Freiburg schon angedacht worden. Dass es im Zusammenhang mit dem Projekt zu kleineren Erdbeben kommen würde, war den Fachleuten bewusst. Erdstöße allerdings, von denen kaum erwartet worden war, dass sie überhaupt an der Oberfläche zu spüren sein werden. Der Hintergrund: Durch das Bohrloch der Erdwärme-Pilotanlage in Kleinhüningen wurde seit 2. Dezember Wasser in den Untergrund gepumpt. Damit sollen in fünf Kilometern Tiefe bereits vorhandene Klüfte und feine Risse geöffnet und durchlässig gemacht werden, um so ein Wärmereservoir zu erschließen, in dem das Wasser zirkulieren und sich erhitzen kann. Fachleute sprechen dabei von der Stimulationsphase.

Die hat nun ein jähes Ende erfahren. Wie gestern bekannt wurde, hat Geopower, die Betreibergesellschaft von Deep Heat Mining, bereits am Freitagvormittag das weitere Einpumpen des Wassers gestoppt, weil sich – bis dahin an der Oberfläche noch nicht zu spüren – die Beben gehäuft hatten. Der Druck aber wurde noch aufrechterhalten – bis zum Beben um 17.48 Uhr. Danach begann Geopower, den Druck in der Tiefe abzubauen, und kam so einer Anordnung der Kantonalen Krisenorganisation zuvor, die eilends nach dem Vorfall einberufen worden war.

Die Überraschung der Fachleute über das handgemachte Beben ist ebenso groß wie offenkundig ehrlich. “Damit war nicht zu rechnen”, sagte Manfred Baer, Seismologe vom Schweizer Erdbebendienst, gegenüber “Der Sonntag”. Dass das Beben für einen Erdstoß der Stärke 3,4 an der Oberfläche derart heftig zu spüren war, lag laut René Kindhauser, Pressesprecher von Geopower, daran, dass es in 5 Kilometern Tiefe ausgelöst wurde und nicht in 10 oder 20 Kilometern wie bei natürlichen Beben.

Was nun genau der Auslöser war, darüber gibt es noch keine offiziellen Auskünfte. Genau diese Frage dürfte ein zentraler Gegenstand der nun folgenden Untersuchungen sein. Seismologe Baer vermutet, dass man eine ohnehin bereits instabile Zone getroffen haben könnte.

Schon jetzt allerdings steht fest, dass der Vorfall einen Rückschlag nicht nur für das Geothermieprojekt in Basel, sondern wohl für die Geothermie in der gesamten Region bedeuten wird. Die bislang in der Öffentlichkeit als sauber und risikolos wahrgenommene Technologie hat nun eine ganz andere, unheimliche, für viele sicher auch bedrohliche Seite gezeigt.

Von einem “zwangsläufigen Ende” möchte Geopower-Sprecher Kindhauser zwar auf keinen Fall sprechen, doch auch ihm ist bewusst, dass das Projekt “vom Goodwill in der Bevölkerung abhängt”. Neben den technisch-wissenschaftlichen Untersuchungen, die nun folgen werden und bis zu deren Abschluss das Basler Projekt auf alle Fälle ruht, wird das Beben vom Freitag sicher auch ein politisches Nachspiel haben.

Die juristischen Nachbeben haben bereits eingesetzt: Wie gestern bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft des Kantons Basel bereits am Freitagabend ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet. “Es wird abgeklärt, ob eine Straftat vorliegt und wer deswegen zur Rechenschaft gezogen werden muss”, heißt es in einer Mitteilung.

Damit ermittelt der Kanton auch gegen sich selbst: Basel-Stadt ist einer der Partner bei Geopower, genauso wie (unter anderem) Baselland, die deutsche Energiedienst und Geothermal Explorers aus Pratteln, die die technische Federführung bei Deep Heat Mining haben.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 10. Dezember 2006

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