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Weblog von Alexander Huber

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Internet zum Anbeißen

Kulinar-Blogs sind eine Fundgrube für Gourmets – wenn man die guten findet

Als Ullrich Fichtner, Genuss-Experte bei “Spiegel-Online” (www.spiegel.de/kultur), sich unlängst wenig schmeichelhaft darüber ausließ, was Kulinarik-Blogs “so anrichten”, gab’s einige unfreundliche Kommentare im Forum. Fichtner – von dem sonst mit das Gescheiteste stammt, was im deutschsprachigen Web über Essen und Trinken zu lesen ist, kassierte für seine unverhohlene Häme über die Online-Tagebücher von Amateur-Köchen und Hobby-Gourmets nicht ganz zu unrecht den Vorwurf der Arroganz. Sich im Internet über kulinarische Themen auszulassen, sei schließlich kein Privileg bezahlter Journalisten, schleuderte man ihm entgegen.

Dass das für jedermann frei zugängliche Netz auch auf dem weiten Feld des Kulinarischen merkwürdige und mitunter sogar ungenießbare Blüten treibt – damit liegt Fichtner nicht falsch. Doch auf der anderen Seite gilt auch: Wer gutes Essen und Trinken samt Drumherum schätzt, bekommt online – gerade über die Kulinarik-Blogs – eine Fülle von Anregungen: neue Trends, interessante Beobachtungen und Betrachtungen, nützliche Tipps und vor allem – Rezepte, Rezepte, Rezepte.

Gute Kulinarik-Blogs zu finden ist aber tatsächlich nicht ganz einfach. Obwohl es sehr viele davon gibt, ist etwa die deutsche Szene der ernst zu nehmenden Kulinar-Blogger nicht allzu groß. Ein guter Startpunkt könnte gumia.de sein. Der Wirtschaftsmathematiker Theo Huesmann sammelt regelmäßig und ausführlich “Notizen für Genießer” – da ist auch reichlich Kurioses dabei. Huesmann betreibt außerdem die Seite genussblogs.net, auf der sich zahlreiche Links zu anderen Kulinarik-Blogs finden lassen.

Unter anderem auch die Seite “Chili und Ciabatta” (peho.typepad.com/chili_und_ciabatta/). Der Titel lässt es bereits erahnen: Dieser Blog beschäftigt sich vorzugsweise mit Brot und scharfen Gerichten. Es gibt Rezepte zuhauf und auch die Aufmachung ist – verglichen mit vielen anderen Blogs – gefällig.

Vorsicht vor Marketing

Das gilt auch für den “Kaffee Blog” (www.espresso-kaffee-blog.de/kaffee-blog/), der eine Menge Wissenswertes zum schwarzen Trunk offeriert. Hinter dem “Kaffee Blog” steckt freilich ein kommerzieller Anbieter – der Kaffeehändler Espresso International. In diesem Fall ist das kein Beinbruch, denn der geschäftliche Hintergrund ist klar ersichtlich und die Infos im Blog sind um Objektivität bemüht. Doch generell gilt (nicht nur bei Kulinarik-Blogs): Vorsicht! Hinter vielen flott daher kommenden Online-Tagebüchern verstecken sich handfeste Marketing-Interessen.

Daraus machen die Schöpfer von landschpaket.de auch gar keinen Hehl. Die Mannschaft der Sulzburger Werbeagentur Land in Sicht hat ihr Kulinarik-Blog eigentlich als “PR-Aktion für die Kunden” gedacht, erzählt Land in Sicht-Mitarbeiter Fabian Karpf. Der Hintergrund: Das Team der Werbeschmiede aus dem Markgräflerland verspeist jeden Mittag gemeinschaftlich, was jeweils ein Kollege kocht. Und die Rezepte der Werbefachleute kann man nun online nachlesen. Zwar hält sich die Originalität (Pfannkuchen, Eier in Senfsoße) in Grenzen, doch die Speisen werden optisch ansprechend und gut gelaunt präsentiert und könnten vor allem für Großfamilien interessant sein: Die Zutaten sind jeweils für 10 bis 13 Personen angegeben.

Leider sind so gut gestaltete (und vor allem übersichtliche) Kulinar-Blogs wie die von landschpaket.de im deutschsprachigen Raum noch eher rar. Und vielen sieht man an, dass sie eher lustlos oder gar nicht mehr gepflegt und erweitert werden. Wer die wahren Perlen im weiten Ozean der genussvollen Online-Tagebücher finden will, der sollte des Englischen mächtig sein.

Zu den Stars der weltweiten kulinarischen Online-Community zählt “Cooking for Engineers” (www.cookingforengineers.com), das sich allerdings schon etwas von der sonst üblichen Blog-Form abhebt und mehr in Richtung gigantische Rezeptsammlung tendiert. Wie der Titel andeutet, nähern sich die Macher von “Cooking for Engineers” den leiblichen Genüssen von der eher technischen Seite – präzise und ausführlich in Wort und Bild, aber auch oft mit einem sympathischen Augenzwinkern.

Leckere Tex-Mex-RezepteRezepte, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen und dazu noch den Anspruch erheben, dass sie leicht zuzubereiten sind, bietet der “Simply Recipes Food and Cooking Blog” (www.elise.com/recipes/) von Elise Bauer aus Charmichael in Kalifornien. Vor allem empfehlenswert: die Abteilung mit den Tex-Mex-Rezepten.

Ebenso wie Elise Bauer und viele andere Kulinar-Blogger stammt auch Clotilde Dusoulier ursprünglich aus der Computer-Branche. Die 28-jährige Pariserin betreibt ihren Blog namens “Chocolate & Zucchini” (chocolateandzucchini.com/) schon seit 2003 und gehört damit zu den Pionieren der Szene, die mit dem Kulinar-Bloggen sogar Geld verdienen – inzwischen gibt es zum Beispiel C&Z-Kochbücher. “Chocolate & Zucchini” kommt dem Ideal eines Kulinar-Blogs schon sehr nahe: Jede Menge Hintergrundinformationen, nett erzählte Geschichten, tolle Rezepte und das alles in feiner Aufmachung – das sollte sogar Herrn Fichtner gefallen.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 9. März 2008

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