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Leben ist immer lebensgefährlich

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell in der Marktwirtschaft reagiert wird. Seit kurzem können notorische Raucher für nicht mal einen Euro eine kleine Pappbanderole erwerben, um ihre Zigarettenschachteln zu verschönen.Wozu? Nun, neue Kippenpäckchen müssen seit anfangs des Monats richtig fette Warnhinweise tragen. „Rauchen ist tödlich“ steht da drauf oder: „Rauchen macht impotent.“ Zur Abschreckung und so.

Wie, Sie meinen man könnte dem Problem begegnen, indem man die Fluppen einfach deutlich teuerer macht? Keine Ahnung von Politik, was? Warum einfach, wenn’s auch belehrend geht? Dem mündigen Staatsbürger muss man schließlich ins Hirn prügeln, was gut und was schlecht für ihn ist.

Außerdem: Dieses System ist enorm ausbaufähig. Zunächst mal bei den Glimmstengeln selbst. Die jetzigen Sprüche sind noch viel zu lasch, die gehen keinem wirklich an die Nieren. Mein Vorschlag: Da die Hinweise eh schon einen schönen schwarzen Rand haben, sollte man den Platz für Todesanzeigen verkaufen – zum Beispiel für Leute, die an Lungenkrebs verschieden sind. Die Einnahmen könnten dann an die Krebsliga gehen.

Und es gibt ja noch so viel Gefährliches auf der Welt. Zum Beispiel den bösen Alkohol: Statt auf den Markgräfler Gutedel die treuherzige Trachtentante zu kleben, wäre ein Etikett mit dem Bild einer fetten Leberzirrhose doch echt angebracht. Ganz schlimm sind Autos, vor allem die schnellen. Eine kleine Sounddatei in die Bordelektronik gebastelt und der BMW-Rüpel hört beim Drehen des Zündschlüssels nicht das Geblubber seiner Zylinderchen, sondern das Wimmern eines Schwerverletzten nach einem Frontalzusammenstoß.

Schade nur, dass das Leben an und für sich so ein abstraktes Ding ist, das auf keine Tafel und in keine Schachtel passt. Doch vielleicht könnte man die Bestattungsunternehmer verpflichten, den schönen Spruch von Kästner groß auf die Särge zu pinseln: „Wie wir’s auch drehen und wenden; seien wir ehrlich: Leben ist immer – lebensgefährlich.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 19. Oktober 2003

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