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Weblog von Alexander Huber

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Metalklang und Kirschlikör

Heimat für Musikfans und Musiker: Der “Sternen” in Auggen wird zehn Jahre alt

Auf den ersten Blick ist es ein eher unscheinbares Dorfgasthaus, auf den zweiten Blick sorgt der Blick auf den Fassadenschmuck dann doch für etwas Verwunderung: Kein blank poliertes Wirtshausschild hängt da, sondern rostige Speerspitzen und ein fünfzackiger Stern. “Das wird ja immer so verteufelt. Aber das Pentagramm ist eigentlich ein Schutzsymbol”, beeilt sich Bernd Kurzbach zu erklären. Dass unbefangene Betrachter wahrscheinlich eher an einen Stern denken als ein okkultes Symbol, ist dem jungen Auggener Gastwirt freilich auch recht. Schließlich heißt seine Wirtschaft ja auch so: “Sternen”.

Seit nunmehr zehn Jahren ist die Kneipe im beschaulichen Winzerdorf für viele junge und inzwischen auch nicht mehr ganz so junge Musikfans im Markgräflerland ein fester Begriff – vorzugsweise für solche, die auf eine etwas härtere Gangart des Rock stehen. Und für viele Musiker aus der Region und darüber hinaus ist die Kneipe zu einer zweiten Heimat geworden – die neben der Kurzform “Sternen” auch als “Raumstation Sternen” und “Sternengalaxie” bekannt und unter letzteren Begriffen auch leicht im weltweiten Netz zu googeln ist.

Nachdem seine Eltern ihr Engagement im “Sternen” beendet und diverse Pächter kein glückliches Händchen mit dem Auggener Gasthaus bewiesen hatten, stand die Familie vor der Wahl: Entweder Sohn Bernd übernimmt den Betrieb oder das Haus muss verkauft werden. Der war nicht abgeneigt, erklärte aber von Anfang an: “Wenn ich’s mach, dann so, wie ich es möchte.” Seitdem sind die Prioritäten im “Sternen” klar: Eine ausgefeilte Speisenkarte wird man dort nicht finden (einfache Bistro-Angebote müssen genügen), bei den Getränken wird’s dann schon reichhaltiger und origineller (im “Sternen” gibt’s einen vorzüglichen mit Chili verfeinerten Kirschlikör, der nach dem ungarischen Dracula-Darsteller Béla Lugosi benannt ist) – und über allem steht die Musik.

Gerade mal 32 Jahre jung, hat der gelernte Bierbrauer Kurzbach bereits ein weitspannendes Netzwerk vor allem in der Alternative-, Rock-, Metal-, Punk- und Grunge-Szene des Dreiländerecks und darüber hinaus geknüpft. Zwei Live-Konzerte pro Monat gibt’s im “Sternen”; im Sommer ist Pause im Auggener Dorfkern, dann organisiert Kurzbach Festivals. Das nächste – am 25. und 26. Juli auf einem Feld nahe des Müllheimer Gewerbegebiets – wird ein besonderes: Dann feiert die “Sternengalaxie” ihr Zehnjähriges mit vielen Bands, “die dem ‘Sternen’ besonders verbunden sind”, wie Kurzbach sagt. Und er selbst feiert dann seinen 33.

Hin und wieder sind in Auggen auch (etwas) leisere Töne zu hören. Blues oder Country gibt es dann – öfter ist zum Beispiel die amerikanische Country-Musikerin Kim Carson zu Gast. “Dann kommen die Eltern der Kids, die sonst hier sind”, sagt Kurzbach. Wie überhaupt die “Raumstation Sternen” – Totenkopfembleme hin, Trash-Metal-Orgien her – eine geradezu familiäre Atmosphäre ausstrahlt. Gerne wird auf der kleinen Freifläche gegrillt, drinnen begrüßen einen freundliche Rocker in breitestem Alemannisch und die “humane Nachbarschaft” (Kurzbach) ist überhaupt “eine sehr wichtige Voraussetzung dafür, dass ich das hier überhaupt machen kann”. Immerhin kommen bis zu 300 Gäste, wenn im “Sternen” mal wieder die Post abgeht.

Längst warnen keine Eltern mehr ihre Kinder davor, in den “Sternen” zu gehen – aus Furcht vor Teufelszeug und Drogen. Inzwischen kommt auch der eine oder andere Gemeinderat mal auf ein Bierchen vorbei. “Und das alles, ohne dass ich spießig werden musste”, sagt Bernd Kurzbach und grinst.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 6. Juli 2008

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