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Weblog von Alexander Huber

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Nicht mehr werbewirksam

Die Dopingscharmützel im Radsport gehen weiter – in Freiburg und darüber hinaus

Eigentlich eignet sich der Radsport nicht dafür, noch im Spätherbst Schlagzeilen zu produzieren. Dank Doping hat sich das geändert – spannende Geschichten aus diesem Metier werden nun auch in der kalten Jahreszeit serviert. Mit Sport haben die leider nicht mehr viel zu tun. Diese Woche im Programm: Die Uniklinik Freiburg leistet sich bei ihrer Dopingaufklärung einen bösen Schnitzer, Doping-Jäger Franke und Sportmediziner Huber treffen sich in Freiburg vor Gericht, und die Telekom verabschiedet sich aus dem Radsport.

Erst suspendiert, danach gekündigt und dann doch wieder irgendwie durchs Hintertürchen reingeholt: Am Dienstag musste die Leitung der Freiburger Uniklinik nach einem vor Häme triefenden Artikel in der “Süddeutschen Zeitung” einräumen, dass sie die Kündigung Georg Hubers mittels einer speziellen Vereinbarung rückgängig gemacht hat. Huber hatte Ende Mai gestanden, in den 80er-Jahren Radrennfahrern Testosteron verabreicht zu haben. Der Inhalt dieser Vereinbarung bleibt nebulös: Huber wurde suspendiert, aber nicht gekündigt, er durfte keine Sportler mehr betreuen, aber weiterhin in seinem Büro tätig sein – angeblich, um bei der Aufklärung der Dopingvergangenheit zu helfen. Doch welchen Sinn sollte das machen? Schließlich attestiert Klinik-Direktor Matthias Brandis selbst Huber ein fehlendes Unrechtsbewusstsein.

Pikant an der Sache sind aber vor allem zwei Dinge: Nämlich, dass diese Vereinbarung erst jetzt der Öffentlichkeit bekannt wurde und dass darin – quasi zur Rechtfertigung von Hubers Weiterbeschäftigung – erklärt wurde, “Testosteron habe keine leistungssteigernde Wirkung”. Eine ebenso falsche wie peinliche Behauptung.

Der Fauxpas hat nicht nur die Uniklinik bei ihren Bemühungen um Aufklärung etliche Glaubwürdigkeitspunkte gekostet, sondern auch Sand ins Getriebe der beiden Freiburger Doping-Untersuchungskommissionen gestreut. Werner Franke, Mitglied der so genannten “großen” Kommission, in der es um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Freiburger Dopingverstrickungen geht, zeigte sich – ebenfalls am Dienstag – vor Gericht empört, dass er nicht von der Weiterbeschäftigung Hubers in Kenntnis gesetzt worden war. Schließlich hatte Franke behauptet, Huber sei “rausgeschmissen” worden – und genau diese Aussage wollte Huber verbieten lassen.

Wer hat was wann gewusst?

Franke also hatte von der brisanten Vereinbarung nichts gewusst, was er als einen “Skandal” bezeichnete. Hans Joachim Schäfer dagegen erklärt, er habe davon “zeitnah” erfahren. Schäfer leitet sowohl die “große” achtköpfige Kommission mit Franke als auch die kleine, dreiköpfige Kommission, die sich speziell mit den suspendierten beziehungsweise gekündigten Ärzten Huber, Lothar Heinrich und Andreas Schmid beschäftigt. Auch Schäfer war empört über die Entscheidung, Huber weiter zu beschäftigen, gab seinen Ärger “mündlich wie schriftlich” aber nur der Leitung der Uniklinik zur Kenntnis. Schäfer stellt klar: “Ich bin in dieser Angelegenheit nur gegenüber der Uniklinik verantwortlich, gegenüber niemandem sonst.” Zudem verwies der ehemalige Richter auf die unterschiedlichen Aufträge der beiden Kommissionen. Dass die ganze Sache nun aufgeflogen ist – darüber ist Schäfer durchaus zufrieden.

Obschon mit einer Fülle verwirrender Details gespickt, ist der Fall Franke-Huber, der vor Gericht mit einem Vergleich endete, jedenfalls nur ein Nebenkriegsschauplatz. Dass Franke in Zukunft nicht mehr behaupten wird, Huber habe “Nachwuchsfahrer gedopt”, sondern nur noch sagen wird, Huber habe “U-23-Fahrern das auf der Dopingliste stehende Mittel Andriol (Testosteron) verabreicht”, mag für Liebhaber juristischer Wortdrechseleien interessant sein; Normalsterblichen ringt das maximal ein müdes Schmunzeln ab.

Vom Paulus zum Saulus

Weitaus gravierender war da die Nachricht, die ebenfalls an diesem ereignisreichen Dienstag über den Ticker lief: Die Deutsche Telekom zieht sich als Sponsor aus dem Profiradsport zurück, das Team T-Mobile, übrigens auch das der Frauen, ist Geschichte. Bei vielen Beobachtern erntete dieser nicht wirkliche überraschende Schritt verhaltenen Applaus. Freude, freilich der eher heimlichen Art, dürfte auch in weiten Teilen der internationalen Radsportszene herrschen – endlich sind die deutschen Miesmacher draußen. Auch Bob Stapleton kann nun mit seinem neuen Team namens High Road unter US-amerikanischer Flagge befreiter werkeln. Seine Wandlung vom Paulus zum Saulus, vom Hoffnungsträger der Antidoping-Front zum umstrittenen Teamleiter, der gegen den Willen des Sponsors einen so zwielichtigen Fahrer wie den Armstrong-Intimus George Hincapie verpflichtete, hat der Hoffnung auf einen sauberen Radsport einen zusätzlichen Dämpfer versetzt.

Die Szene dürfte sich im kommenden Jahr also wieder relativ ungestört ihrer Hauptbeschäftigung widmen können: spritzen, strampeln – und leugnen. Hierzulande freilich ist nach dem Ausstieg von T-Mobile und in der Folge weiterer Sponsoren, wie etwa Adidas, mit Profiradsport auf absehbare Zeit kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Schon gar nicht, wenn sich Prophezeiungen bewahrheiten wie die von Werner Franke: “Die meisten Dinge stehen noch bevor. Auch die nächsten Monate werden nicht sehr werbewirksam sein.”

Alexander Huber, DER SONNTAG, 2. Dezember 2007

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