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Nur die Harten kommen in den Garten

Wie man in Freiburg mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten den Weinbau revolutionieren will

Im “Terrortunnel” herrscht Ruhe. Das derart martialisch getaufte Gewächshaus im Freiburger Süden schlummert unter der goldenen Oktobersonne der Winterpause entgegen. Im März wird wieder Leben einkehren, dann werden dort kleine Pflänzchen getopft, aus denen einmal stolze Weinreben werden sollen. Diese Zukunft allerdings wird nur den wenigsten vergönnt sein – ab Mai beginnt der “Terror”, den maximal acht Prozent der kleinen Weinpflanzen überleben.

“Wir sind schon ein wenig schizophren”, sagt Volker Jörger und lacht: “Erst hätscheln und tätscheln wir jedes Samenkörnchen und dann setzen wir alles daran, um die jungen Pflanzen eingehen zu lassen.” Volker Jörger ist Leiter des Referats Resistenz- und Klonenzüchtung am Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg (WBI) und somit verantwortlich für den organisierten “Pflanzen-Terror”. Der besteht darin, die jungen Weinreben im Gewächshaus zwei unter Winzern besonders gefürchteten Pilzkrankheiten auszusetzen: dem falschen und dem echten Mehltau – und das so intensiv wie möglich. “Wir tun alles”, sagt Jörger, “um den Befall der Krankheiten so optimal wie möglich zu gestalten.”

Hinter dem harten Auswahlverfahren steckt natürlich ein höheres Ziel: Das Freiburger Weinbauinstitut ist die europaweit führende Einrichtung zur Züchtung sogenannter pilzwiderstandsfähiger Rebsorten, die die Fachleute kurz als Piwis bezeichnen. Die Suche nach solchen Piwis hat eine lange und überaus wechselvolle Geschichte, die um 1820/30 begann, als von Amerika nicht nur die Reblaus, sondern auch Oidium und Peronospora – so die wissenschaftlichen Bezeichnungen für echten und falschen Mehltau – nach Europa eingeschleppt wurden. Die beiden Pilzkrankheiten nisten sich in den Zellen der Blätter und Weinbeeren ein und können einen Rebstock völlig vernichten. Ebenso wie gegen die Reblaus waren die europäischen Reben auch gegen Oidium und Peronospora wehrlos. Doch während für das Reblaus-Problem mit dem Aufpfropfen auf resistente amerikanische Unterlagsreben eine gute Abwehrmöglichkeit gefunden wurde, beschäftigen die Pilzkrankheiten den Winzer bis heute jedes Jahr aufs Neue. Gängig ist der Rebschutz von außen, will heißen: der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Die Idee, Reben zu züchten, die von innen heraus genügend Widerstandskraft entwickeln können, wurde recht schnell nach Einschleppen der Mehltau-Krankheiten geboren. Schon 1860 begannen die Franzosen mit der Piwi-Züchtung, und durch Kreuzungen entstand eine ungeheure Zahl neuer Sorten. Und doch: Die Entwicklung geriet ins Stocken. Der Einsatz von Chemie schien einfacher und fortschrittlicher, vor allem aber kam man bald zu der Ansicht, dass pilzfeste Sorten quasi automatisch einen Wein minderer Qualität ergeben.

Schmecken Piwis schlecht?

Die Gleichung: Piwi gleich schlechter Geschmack wirkt bis heute nach. Es ist vor allem dem Freiburger Rebenzüchter Johannes Zimmermann, dem Vorvorgänger Jörgers, zu verdanken, dass die Piwi-Züchtung nicht völlig in Vergessenheit geriet. Zimmermann schaute sich für seine Züchtungszwecke in Frankreich und später auch in Osteuropa um. 1960 kreuzte er aus einer Sorte namens Seyve-Villard 5276, die selbst einen bis 1828 zurückliegenden komplizierten Stammbaum aufweist, und FR 375-52, deren Eltern Riesling und Ruländer sind, die erste moderne, marktfähige Piwi-Sorte aus dem Freiburger Institut, die später – inspiriert von der Lage des Weinbauinstitutes nahe Merzhausen – Merzling getauft wurde. Aktuell sind 14 neue Keltertrauben- und fünf Tafeltraubensorten im Angebot des WBI.

Erst 1993 wurde der Merzling vom Bundessortenamt klassifiziert, was zeigt, welch langer Atem beim Züchten dieser neuen Sorten notwendig ist. Durchschnittlich vergehen 20 Jahre von der Kreuzung bis zum Beginn der Praxis-Prüfung, der Gesamtaufwand ist enorm. “Nach diesem Zeitraum bleiben von 10000 Samen vielleicht einmal ein bis drei Pflanzen, die potenziell eine neue Sorte werden könnten”, sagt Volker Jörger.

Denn hinter aller züchterischer Arbeit steht letztlich die alles entscheidende Frage: Schmeckt denn der Wein einer neuen Sorte überhaupt – Piwi hin, Piwi her? “Unser Ziel muss immer sein, dass der Wein gegen Geld getauscht werden kann”, stellt Jörger klar. Mehrere tausend Blindverkostungen mit Experten organisiert das WBI daher bei hoffnungsvollen Neuzüchtungen. Doch nur wenn mindestens zwei Drittel der Weinfachleute meinen, dass ihnen die neue Sorte gleich gut oder besser schmeckt als vergleichbare Standardsorten, wird eine Vermarktung überhaupt erst angedacht.

Bleibt die Frage, warum Merzling, Johanniter, Solaris, Prior oder Cabernet Carbon noch so selten auf den Etiketten von Weinflaschen zu lesen sind? “Weintrinker sind extrem konservativ”, sagt Volker Jörger. Wer Riesling, Grauburgunder oder Gutedel gewöhnt ist, wird Helios, Bronner oder Baron zunächst ausgesprochen argwöhnisch betrachten. Für den Winzer wiederum ist dadurch das Risiko groß, Geld für Weinstöcke zu investieren, deren Erträge womöglich kaum zu vermarkten sind. Und so sind in Deutschland erst rund 350 Hektar mit den Neuzüchtungen aus Freiburg bestockt.

Hinzu kommen Vorbehalte in der Weinbaupolitik – in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern. Allerdings: Volker Jörger meint, das Eis so langsam brechen zu hören. In Italien sorgt derzeit die spät reifende Weißwein-Sorte Bronner für Furore, die in einigen Weinbauregionen sogar schon eine offizielle Anbaugenehmigung erhalten hat. Und mit dem in diesem Jahr auf Sylt angelegten Weinberg schrieb die frühreife Solaris Schlagzeilen, die in Südtirol auch auf 1300 Metern über dem Meeresspiegel gedeiht.

Erfolg für den Regent

Immerhin: Eine Piwi-Sorte hat sich einen gewissen Bekanntheitsgrad bereits erworben. Doch der Regent wurde ausgerechnet nicht in Freiburg geboren, sondern 1967 am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof. Die 1995 zugelassene Sorte, die aufgrund ihrer nicht immer überzeugenden Weinqualität unter Weinfachleuten wie Weinliebhabern nicht unumstritten ist, kam wie gerufen, als man im Zuge des Rotwein-Booms in Deutschland nach einer mediterran anmutenden Alternative zum Spätburgunder suchte.

Insgesamt hängt die Zukunft der Piwis nach Überzeugung der Experten vom WBI weniger von ihrem tatsächlichen Potenzial ab, als vielmehr davon, ob und wie schnell sich der Markt auf neue, bis dato fast völlig unbekannte Sorten einstellen kann. Die Aussicht, im Weinberg ganz oder zumindest weitgehend auf Pflanzenschutzmittel verzichten zu können, sollte sowohl für Winzer wie Verbraucher durchaus verlockend sein.

Im Versuchsweinberg der Freiburger Rebenzüchter stehen die, die den Terrortunnel überlebt haben. Manche – allen voran Merzling und Johanniter – sind schon so etwas wie Veteranen. Schlecht behandelt werden sie immer noch. “Wir spritzen unsere Piwis grundsätzlich nicht”, sagt Jörger. Auch sonst verzichtet man ganz bewusst auf zu viel Pflege und Hege. Der Lohn hängt dennoch süß und saftig am Rebstock.

Besonders gern bietet Volker Jörger seinen Gästen eine Kostprobe von Calastra, Garant, Galanth oder Osella an. Für pilzwiderstandsfähige Tafeltrauben aus heimischem Anbau sieht er große Marktchancen. Das kann man nachvollziehen: Das Aroma der Freiburger Tafeltrauben übertrifft das gängiger Importware um Längen. Wer nicht warten will, bis auch der Händler um die Ecke das begriffen hat, kann sich Freiburger Piwi-Know-how in den eigenen Garten setzen – für fünf Euro pro Pflanze.

Staatliches Weinbauinstitut, Referat Resistenz- und Klonenzüchtung, Telefon 0761/40165-0. www.wbi-freiburg.de

Alexander Huber, DER SONNTAG, 18. Oktober 2009

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