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“Oh wär ich der Kästner Erich”

Unterschätzter Humor-Gigant: Am 20. Februar wäre Heinz Erhardt 100 geworden

Oh wär ich
der Kästner Erich!
Auch wär ich gern
Christian Morgenstern
Und hätt’ ich nur einen Satz
vom Ringelnatz
Doch nichts davon. Zu aller Not
hab ich auch nichts von Busch und Roth
Drum bleib ich, wenn es mir auch schwer ward,
nur der Heinz Erhardt

Am 20. Februar wäre der in Riga geborene Heinz Erhardt 100 Jahre alt geworden, und die deutsche Medienöffentlichkeit bereitet sich via Sonderbriefmarke, Sondersendungen in Funk und Fernsehen, Sondershows und Sonderveröffentlichungen mit einigem Tamtam auf den runden Geburtstag des Komikers vor. Auch 30 Jahre nach seinem Tod am 5. Juni 1979 in Hamburg zählt Erhardt zu den beliebteste deutschen Humoristen.

In der breiten Öffentlichkeit dominiert freilich das Bild des harmlosen Witzchen-Erzählers, der sich liebenswert-linkisch durch die Wirtschaftswunderjahre kalauerte. Die meisten Menschen dürften ihn aus Streifen wie “Natürlich die Autofahrer”, “Der Haustyrann” oder “Unser Willi ist der Beste” kennen, die zum gepflegten Vorrat des deutschen Fernsehens gehören, auf den immer wieder gerne zurückgegriffen wird, wenn es gilt, ein wenig heitere Nostalgie zu vermitteln.

Heinz Erhardt erscheint vielen als der Inbegriff des harmlosen Komikers, der niemandem wehtut. Ein Bild, das auch so recht zu dem passt, was man aus seinem Privatleben weiß. Ein äußerst schüchterner Charakter, alles andere als zum Entertainer geboren, den es hart anging, seine Talente zu vermarkten und der wohl bis zum Ende seiner Karriere, das im Herbst 1971 ein Schlaganfall besiegelte, unter heftigem Lampenfieber litt. Das genaue Gegenteil eines Dieter Bohlen etwa, wollte man Vergleiche aus der Gegenwart heranziehen. Auf jeden Fall einer, der es im heutigen Medienbetrieb noch unendlich schwerer gehabt hätte als das im damaligen Nachkriegsdeutschland schon der Fall war.

Der deutsche Humor aber wäre dann um eines seiner schönsten Aushängeschilder gebracht worden. Ja, es stimmt schon: Erhardt war harmlos – und doch auch wieder nicht. Er war so gut wie völlig unpolitisch. Wenn er sein berühmtes Gedicht “Die Made” mit dem netten Wortspiel ” … das hat aber nichts mit der Made in Germany zu tun – obwohl da momentan auch der Wurm drin ist …” einleitete, dann war für ihn fast schon der Gipfel der Zeitkritik erreicht.

Doch der Eindruck des Oberflächlichen täuscht gewaltig. Erhardts größte Gabe war – trotz seiner unbestreitbaren Musikalität – die Fähigkeit mit Sprache umzugehen. Das eingangs zitierte Gedicht zeigt, nach welchen Vorbildern er sich streckte. Und er war keineswegs so weit von ihnen entfernt, wie er – mit einem ordentlichen Schuss Koketterie – in diesen Zeilen weismachen wollte. Nach ihm hat es wohl nur noch Robert Gernhardt (übrigens auch ein gebürtiger Balte) geschafft, den schmalen Grat zwischen Kalauer und Tiefsinn so trittsicher zu beschreiten.

Interessantes Paradoxon

Respektlos und gleichzeitig mit großer Ehrfurcht spielte er mit der deutschen Sprache, nahm ihr jegliche Strenge und verpackte treffsichere und nicht selten auch tiefsinnige Beobachtungen in einfach wirkende Reime, deren Eleganz völlig unspektakulär, geradezu versteckt daherkommt. Wer genauer hinhört, kann ein interessantes Paradoxon erkennen: Die harmlose wirkenden Reime entwickeln Tiefe – und das, obwohl Erhardt selbst gerne den Eindruck kultivierte, er wolle Tiefgang auf jeden Fall vermeiden.

Ich wälze nicht schwere Probleme
Und spreche nicht über die Zeit
Ich weiß nicht, wohin ich dann käme,
Ich weiß nur, ich käme nicht weit

Erhardt war ein Meister der Pointe, die einen selten schenkelklopfend auflachen lässt, aber gerade bei seinen unzähligen Gedichten so gut wie nie ihr Ziel verfehlt. Perlen seiner Sprachkunst sind vor allem die Vierzeiler; eine Form, die er besonders liebte – wie er selbst bekannte:

In nur vier Zeilen was zu sagen
Erscheint zwar leicht, doch ist es schwer!
Man braucht ja nur mal nachzuschlagen
Die meisten Dichter brauchen mehr

Gerade Kinder mit ihrer ursprünglichen Freude am Reim und am Sprachwitz lieben Heinz Erhardt. In Zeiten, in denen der Nachwuchs nur allzu früh mit sprechenden Schwämmen und zotigen Rapper-Texten konfrontiert wird, ist ab und zu eine Dosis Wortwitz von dem altmodischen Onkel sicher nicht das Verkehrteste.

Kinder haben es so leicht,
haben keine Sorgen,
denken nur, was mach ich jetzt,
nicht, was mach ich morgen

Kinder haben es so schwer,
dürfen niemals mäkeln
und sich wie der Herr Papa
auf dem Sofa räkeln

Kinder haben es so leicht,
dürfen immer spielen,
essen, wenn sie hungrig sind,
weinen, wenn sie fielen

Kinder haben es so schwer,
müssen so viel lernen und,
wenn was im Fernsehn kommt,
sich sofort entfernen

Kinder haben es so leicht,
naschen aus der Tüte,
glauben an den lieben Gott
und an dessen Güte

Kinder haben es so schwer,
müssen Händchen geben -
und auf dieser blöden Welt
noch so lange leben

Alexander Huber, DER SONNTAG, 15. Februar 2009

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