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Schafe, Wölfe, Großverdiener

Was die Experten-Kommission über Doping made in Freiburg herausgefunden hat

Fünf Ärzte statt der bislang drei bekannten sind in die Dopingmachenschaften an der Freiburger Uniklinik verwickelt gewesen. Das ist ein Ergebnis des Zwischenberichts der Doping-Kommission. Noch wichtiger aber ist die erhellende Beschreibung des 13 Jahre währenden Dopingsystems beim Team Telekom, an dem Freiburger Ärzte maßgeblich beteiligt waren. “Der Sonntag” fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Kommission zusammen, die weitere Nachforschungen angekündigt hat.

Was hat der Zwischenbericht der Doping-Kommission an neuen Erkenntnissen gebracht?

Der Wert des Berichts liegt in der detaillierten Darstellung der Dopingpraktiken beim Team Telekom (später Team T-Mobile) und der Rolle, die die Freiburger Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich dabei gespielt haben. Nun steht fest: 1993 begann im Team Telekom das systematische Doping mit Epo, wobei Schmid und später Heinrich für etliche Fahrer des Teams die Organisation und Überwachung der Epo-Kuren übernahmen. Etwa ab 2001 wurde das Epo-Doping durch Blutdoping ersetzt. Konkrete Angaben für die Zeit zwischen 2001 und 2005 gibt es nicht, doch die Kommission geht davon aus, dass auch in diesen Jahren unter Aufsicht der Freiburger Sportärzte gedopt wurde. Für 2006 gibt es aufgrund der Aussagen von Patrik Sinkewitz dann wieder konkrete Erkenntnisse im Hinblick auf Blutdoping. Ein weiterer wichtiger Punkt: Heinrich und womöglich auch Schmid wurden für ihre “besonderen” Tätigkeiten vom Team T-Mobile ohne Wissen der Uniklinik gesondert entlohnt. Für Heinrich sollen allein in den Jahren 2006 und 2007 insgesamt 180000 Euro vorgesehen gewesen sein.

Werden weitere prominente Radprofis belastet?

In den sichergestellten fingierten Akten tauchen unter anderem Patienten mit den Namen “Maier, Ulrich, geboren am 2.12.1937″ und “Mayer, Alexander, geboren am 2.7.1943″ auf, die 2005 behandelt wurden. Der Verdacht liegt nahe, dass hinter Ulrich Maier Jan Ullrich steckt – sein Geburtsdatum hat man nur insofern verändert als die letzten Zahlen des Geburtsjahres vertauscht wurden. Hinter Alexander Mayer könnte sich Alexander Winokurow verbergen. Belastet werden in dem Kommissions-Bericht unter anderem auch Andreas Klöden und Olaf Ludwig, die bislang bestreiten, gedopt zu haben.

Was hat es mit den zwei neuen Ärzten auf sich, die im Zwischenbericht genannt werden?

Mit Andreas Blum und Stefan Vogt werden zwei weitere Ärzte der Freiburger Sportmedizin genannt, die bislang nicht mit Dopingpraktiken beim Team T-Mobile in Verbindung gebracht wurden. Ob sie tatsächlich auch gedopt haben, ist ungewiss. Fest steht wohl nur, dass auch sie am Uniklinikum vorbei Gelder von T-Mobile erhalten haben. Der Kommissions-Vorsitzende Hans-Joachim Schäfer hält es für denkbar, dass man die beiden Mediziner “anfüttern” wollte. Pikant: Andreas Blum wechselte 2006 zum Team Astana, und tauchte dann auch prompt im Umfeld der Berichterstattung über den Fremdblutdoping-Fall Winokurow auf.

Welche Rolle spielt Georg Huber bei den Dopingaktivitäten der Freiburger Sportärzte?

Georg Huber räumte am 29. Mai 2007 gegenüber dem Vorstand der Uniklinik ein, zwischen 1980 und 1990 einzelnen U23-Straßenradfahrern Testosteron verabreicht zu haben. Inzwischen muss man davon ausgehen, dass Hubers Dopingaktivitäten deutlich über den von ihm zunächst genannten Zeitraum und Umfang hinausgehen. Die Kommission will den zuletzt öffentlich bekannt gewordenen Vorwürfen, etwa des Bahnfahrers Robert Lechner, weiter nachgehen. Anhaltspunkte für eine Zusammenarbeit zwischen Huber und Schmid sowie Heinrich hat die Kommission keine gefunden. Es ist jedoch “nicht vorstellbar, dass der Kontakt derart minimalistisch war, wie von Dr. Huber bislang dargestellt”, heißt es in dem Zwischenbericht. Interessant sind die Auslassungen des Internisten Wolfgang Stockhausen über Huber, den er als “herzensguten Menschen” bezeichnet, sich aber kritisch über dessen “Übermedizin” äußert: “Huber”, so wird Stockhausen im Bericht zitiert, “hat letztlich für jedes Wehwehchen eine Tablette gehabt und damit eine Art Einstiegsdroge für die Fahrer gebracht. ” Huber habe insbesondere auch demonstriert, “dass der Arzt mit an der Leistung des Athleten beteiligt ist.”

Was wusste das Umfeld der Doping-Ärzte an der Uniklinik Freiburg?

Das ist eine der spannendsten, aber auch schwierigsten Fragen, die zumindest der jetzige Zwischenbericht nicht endgültig klären kann. Nach derzeitigem Kenntnisstand der Kommission werden die Mitarbeiter der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin sowie deren Leiter Hans-Hermann Dickhuth deutlich entlastet. Schmid und Heinrich hätten, so heißt es, im Verborgenen gehandelt und große Anstrengungen unternommen, damit ihr Tun geheim bleibt. Blutdoping-Manipulationen wurden etwa an Tagen vorgenommen, an denen kein Betrieb in der Abteilung war und laut Erkenntnissen der Kommission waren weder weitere Helfer noch eine ausgefeilte Infrastruktur nötig. Auch auf die Manipulation der Akten habe man nur nach gezielter Recherche kommen können. Zur Rolle des Vorgängers von Dickhuth, Joseph Keul, äußert sich die Doping-Kommission bislang eher sparsam. Sie übt Kritik an dem – bereits bekannten – undurchsichtigen Finanzgebaren des 2000 verstorbenen renommierten Sportmediziners und stellt fest: “Es ist derzeit nicht auszuschließen, dass Keul aktiv in die Dopingaktivitäten involviert war.”

Was steckt hinter dem Arbeitskreis “Dopingfreier Sport”?

Mit dem Arbeitskreis “Dopingfreier Sport”, in dem hochrangige Vertreter des deutschen Sports versammelt waren, schloss die Telekom unter dem Eindruck des Festina-Skandals 1998 einen Vertrag, in dem sie ihre Unterstützung beim Antidoping-Kampf zum Ausdruck bringen wollte. Vorsitzender des Arbeitskreises war Joseph Keul, Schriftführer war Lothar Heinrich. Insgesamt knapp 800000 Euro flossen in den Antidoping-Kampf – unter anderem sollte ein Epo-Nachweis entwickelt werden. Über 400000 Euro bekam die Sportmedizin in Freiburg, viele der vom Arbeitskreis geförderten Projekte wurden von Andreas Schmid betreut. Besonders brisant: Möglicherweise wurden Zahlungen für Doping-Mittel über ein Konto des Arbeitskreises “Dopingfreier Sport” abgewickelt. 1999 soll Jörg Jaksche von Lothar Heinrich ein große Epo-Lieferung am Rande einer Veranstaltung im Leistungszentrum Herzogenhorn erhalten haben, die vom Arbeitskreis organisiert worden war.

Der Zwischenbericht der Expertenkommission im Internet: www.dopingkommission-freiburg.de

Alexander Huber, DER SONNTAG, 23. März 2008

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