NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

NullEinsund42 header image

Schummeln in der Meisterklasse

Geschmacksverstärker, Verdickungsmittel & Co.: Was in Fertigprodukten drin ist

Der Weg zum mündigen Verbraucher ist lang, steinig – und klein gedruckt. Wie viele sich die Mühe machen, die teils umfangreichen Zutatenlisten vor allem bei Fertigprodukten zu studieren, lässt sich kaum abschätzen. Doch der Verdacht liegt nahe, dass es nicht allzu viele sein können; nur so ist es zu erklären, dass sich immer noch Produkte verkaufen lassen, die aus teilweise abenteuerlichen Zutatenzusammenstellungen bestehen.

Dabei kommt der Lebensmittelindustrie die zunehmende Bequemlichkeit der Verbraucher entgegen. Beispiel Gemüsebrühe. Die ist eigentlich gar nicht so schwer selbst herzustellen, aber das Kochen kostet Zeit. Deshalb schlägt die Stunde der Brühwürfel. Nur: Viel Gemüse ist da nicht drin. An erster Stelle steht Salz, gefolgt von gleich drei verschiedenen Geschmacksverstärkern, Stärke und Fett. Dabei sollte man vor allem Geschmacksverstärkern, deren prominentester Vertreter Glutamat ist, mit einem gesunden Misstrauen begegnen.

Manche Allergiker reagieren äußerst heftig darauf – mit Übelkeit und Kreislaufproblemen, dem so genannten China-Restaurant-Syndrom. So benannt nach dem freizügigen Einsatz von Glutamat in der chinesischen Küche. Mehr noch als die gesundheitlichen Folgen, die tatsächlich nur wenige Menschen treffen, sollte jedoch zu denken geben, was der geballte Einsatz von Glutamat & Co. über die Qualität des Produktes aussagt. Zwar „können auch Geschmacksverstärker einem Produkt, das gar keinen Geschmack hat, nicht helfen“, sagt Constanze Wach, Ernährungswissenschaftlerin aus Haltingen, „doch man braucht dann nicht mehr so viel von den teuren Grundzutaten.“

Mit dem Griff in die chemische Trickkiste sollen viele Produkte in ein besseres Licht gerückt werden – ein Blick auf die Zutatenliste und ein wenig Hintergrundwissen lassen aber so manchen Schwindel entlarven. Beliebt ist beispielsweise der Einsatz von Verdickungsmitteln, die ein volleres Gefühl im Mund erzeugen. Dank Guarkernmehl, das unter Ernährungswissenschaftlern als durchaus bedenklich gilt, und Johannisbrotkernmehl braucht Müller für seinen Milchreis gar nicht so besonders viel Reis, der beim selbst gemachten Gericht gleichen Namens für die Sämigkeit sorgt.

Ein anderes Schummelbeispiel: Zuckerkulör färbt so manches Discounterbrot dunkel – um dem Käufer an ein Vollkornprodukt denken zu lassen. Der Gesundheit schadet Zuckerkulör nicht, für Wach gerät eine solche Praxis aber durchaus in die Nähe von „Verbrauchertäuschung“.

Ungenügende Kennzeichnungsrichtlinien machen es den Tricksern in der Lebensmittelbranche immer noch leicht, kritisiert auch die Verbraucherorganisation „Foodwatch“. Die wünscht sich vor allem mehr Aufklärung über Herkunft und Herstellungsmethoden eines Produkts – damit der Verbraucher differenzieren kann. Denn hinter ein und dem selben Begriff können sowohl hoch- als auch minderwertige Zutaten stehen. Honig beispielsweise gilt vielen Käufern als wertvoll, weshalb es einige Hersteller kräftig auf ihrer Zutatenliste herausstreichen. „Doch als Honig bezeichnet man auch miserable Sorten, die stark erhitzt wurden und in denen nichts Wertvolles mehr drin ist“, erklärt Carsten Direske von Foodwatch. 

3,6 Prozent Champignons Immerhin sollen Nahrungsmittelhersteller seit 2002 den Anteil der „wertgebenden“ Zutaten in ihren Produkten angeben. „Wertgebend“ ist das, was durch Wort und Bild auf der Verpackung als besonderes Merkmal des Produkts hervorgehoben wird. Die neue Regelung hat oft eine entlarvende Wirkung. So enthält eine für Lidl hergestellte Jäger-Soße mit Champignons gerade mal 3,6 Prozent der „wertgebenden“ Pilze – beileibe kein Einzelfall.

Maggi hält sich bei seiner Spargel-Cremesuppe der „Meisterklasse“ nicht einmal an die neue Deklarations-Regel. Wie viel Spargel, der Suppe „ihre elegante Note“ geben soll, genau drin ist, erfährt der Verbraucher nicht. Viel kann es nicht sein: Mehr als das begehrte Gemüse enthält die Tütensuppe Weizenmehl, gehärtetes Öl, Salz, Sahnepulver, Stärke und – man ahnt es bereits – Geschmacksverstärker.

Auch der Wasch- und Lebensmittelkonzern Procter & Gamble sieht sich bei Punicas „Melon Tropic“ nicht genötigt zu verraten, wie viel Melone denn tatsächlich in der „fruchtigen Erfrischung“ ist. Mit ein bisschen Kopfrechnen kommt man selbst drauf: Es können maximal sieben Prozent sein. Dafür enthält „Melon Tropic“ gleich zwei Süßstoffe. Doch die stoßen manchem Verbraucher – im wahrsten Sinne des Wortes – übel auf und werfen angesichts der Tatsache, das ihre Süßkraft das 200-fache von Zucker beträgt, die Frage auf, wie wenig Eigengeschmack die verwendeten Fruchtsäfte haben müssen – zumal noch zusätzlich Aroma zum Einsatz kommt.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 21. März 2004

Keine Kommentare

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar