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Weblog von Alexander Huber

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Tausendsassa und Stiefkind

350 Jahre und ein bisschen leise: Warum der Silvaner zu Unrecht unterschätzt wird

„Der Silvaner kann eigentlich alles“, sagt Bernhard Huber, Leiter des Staatsweingutes Blankenhornsberg in Ihringen. Doch trotz ihrer Tausendsassa-Qualitäten wird die Rebsorte, deren 350. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, weithin stiefmütterlich behandelt. Sehr zu Unrecht.

Silvaner – das war einmal der Liebling der deutschen Winzer. Die robuste Rebsorte, die extreme Trockenheit ebenso gut verträgt wie große Hitze, und die gegen Spätfröste im Frühjahr relativ unempfindlich ist, war in den 60er-Jahren die bedeutendste Traube in Deutschland. Auf rund 28 Prozent der gesamten Rebfläche stand Silvaner – heute sind es gerade noch fünf Prozent. Aus Baden ist die Sorte fast völlig verschwunden. Gerade mal 166 Hektar (von insgesamt 16000 Hektar Rebfläche) sind hierzulande mit Silvaner bepflanzt. In vielen Bereichen, wie etwa dem Markgräflerland, spielt die Sorte so gut wie keine Rolle mehr. Nur vereinzelte Erzeuger wie das Efringen-Kirchener Weingut Huck-Wagner haben sie noch in ihrem Sortiment.

In Baden hält der Kaiserstuhl und dort wiederum vor allem Ihringen das Fähnchen des Silvaners hoch. Die Winzergenossenschaft, die die Sorte immerhin noch auf rund 40 Hektar anbaut, und die Privatweingüter am Ort wie etwa Heger, Stiegler oder Pix pflegen mit vereinten Kräften die Silvaner-Tradition am Winklerberg. Doch die Zeiten, da die verlässliche Rebsorte der „Schuldentilger des Kaiserstuhls“ war, sind vorbei. Der großen Masse der Weinfreunde fällt die Rebsorte im allgemeinen Riesling- und Burgunderrausch kaum noch auf. „Das ist eher etwas für Freaks“, sagt Bernhard Huber vom Blankenhornsberg.

Worüber er sich – gemeinsam mit vielen seiner Kollegen – eigentlich wundert. Denn spricht man mit Weinfachleuten, dann wird schnell das Hohelied des Silvaners angestimmt. „Die Sorte hat kein Qualitäts-, sondern ein Imageproblem“, bringt es Andreas Slabi, Vertriebsleiter der WG Ihringen, auf den Punkt.

Der Silvaner ist ein ehrlicher, ein bodenständiger Wein, einer der eher zurückhaltend in der Frucht ist, aber dafür gerühmt wird, die Eigenheiten des Bodens, auf dem er wächst, sehr schön widerzuspiegeln. Er ist erdig, im besten Sinne des Wortes, und gleichzeitig elegant. Ein vorzüglicher Begleiter zu Fisch, natürlich zu Spargel, aber auch in Begleitung eines Wurstbrotes nicht zu verachten. Und dabei hält der Silvaner sein Potenzial, im Gegensatz zu so manch anderer Rebsorte, über alle Qualitätsstufen durch: vom frischen Schoppen in der Literflasche bis zur edelsüßen Spezialität.

Und er ist offen für Experimente: In der WG Ihringen, berichtet Andreas Slabi, hat man einen reinsortigen Silvaner-Sekt, den womöglich einzigen in Deutschland, kreiert – mit großem Erfolg. Auch andernorts gibt es zarte Hinweise darauf, dass dem Silvaner zumindest eine kleine Renaissance beschieden sein könnte. In Rheinhessen etwa – einem Anbaugebiet, das wie der Silvaner selbst besser ist als sein Ruf – konzentriert man sich seit geraumer Zeit immer stärker auf die Rebsorte, die laut neuesten Erkenntnissen eine wilde Kreuzung aus Traminer und „Österreichisch-Weiß“ sein soll und nicht, wie der Name nahelegt, aus Transsilvanien, sondern wohl eher aus dem Alpenraum stammt.

Die Hochburg des Silvaners aber ist nach wie vor Franken, wo Spitzenerzeuger Tropfen aus der Traube keltern, die man mit Fug und Recht zu den besten Weißweinen der Welt zählen kann. Von dort, genauer aus dem Fürstlich Castell’schen Domänenamt, stammt die erste Aufzeichnung über den Silvaneranbau in Deutschland: datiert auf den 10. April 1659. Das alte Dokument gibt nun willkommenen Anlass, einen runden Geburtstag zu feiern. Gerade rechtzeitig, um die völlig zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Rebsorte wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Und vielleicht schauen ja auch die Nachbarn aus dem Elsass ein wenig auf das 350-Jahr-Jubiläum. Denn auch jenseits des Rheins hat der Sylvaner (dort meist mit Ypsilon geschrieben) eine lange Tradition, aber ebenfalls einen schweren Stand. Einen herben Schlag versetzten dem Sylvaner die Bestimmungen über die Grand-Cru-Lagen im Elsass. Die prestigeträchtige Erwähnung dieser Spitzenlagen sollte allein den Rebsorten Riesling, Muskateller, Grauburgunder und Gewürztraminer vorbehalten sein. Nach heftigstem Protest aus Mittelbergheim, der elsässischen Sylvaner-Hochburg, hatten die Behörden ein Einsehen. Für die dortige Grand-Cru-Lage Zotzenberg wurde eine Ausnahme genehmigt: Und so wächst seit 2005 auf dem Zotzenberg der einzige Grand-Cru-Sylvaner der Welt.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 13. Mai 2009

1 Kommentar

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Barbara // Jan 8, 2012 at 15:02

    Ich habe mich als Silvaner-Liebhaberin sehr über Ihren Artikel gefreut. Auch in der Pfalz gibt es vereinzelt noch wunderbare Silvaner, aber sie werden immer weniger.

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