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Trotz aller Enthüllungen bleiben im Freiburger Dopingskandal viele Fragen offen

2007 sollte ein denkwürdiges Jahr für die Freiburger Uni werden – und das wurde es. Jedoch sicher nicht ganz so, wie gewünscht. Die Verfehlungen eines – auf die gesamte Universität betrachtet – ausgesprochen kleinen Teils der altehrwürdigen Institution rückten 550-Jahr-Jubiläum und Exzellenzinitiative in den Schatten. Und die Dopingverstrickungen der Freiburger Sportmedizin, die Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, am Freitag in der “Süddeutschen Zeitung” als “den größten Schock von allem” bezeichnet hat, werden auch 2008 Thema bleiben.

Seit den Anschuldigungen des ehemaligen Telekom-Masseurs Jef d’Hont und den bald darauf folgenden Dopinggeständnissen der Freiburger Sportärzte Lothar Heinrich, Andreas Schmid und Georg Huber Ende Mai ist vieles aus der düsteren Welt des Dopings im Profiradsport ans Licht gekommen. Was die Situation an der sportmedizinischen Abteilung der Uniklinik angeht, so lassen sich die vielen bereits bekannten Puzzleteile freilich bislang kaum zu einem klaren Bild zusammensetzen. “Wir stehen wohl erst am Anfang”, sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier. Dass die Freiburger Ermittlungsbehörde einmal eine derart zentrale Rolle bei der Aufklärung der Doping-Machenschaften im deutschen Profiradsport spielen würde, dürfte die Beamten dort selbst überrascht haben. Eine ganze Weile sah es so aus, als ginge die Taktik der geständigen Sportler und Ärzte auf: nämlich nur solche Verfehlungen einzuräumen, die aus strafrechtlicher Sicht verjährt sind.

Nach den Geständnissen des ehemaligen T-Mobile-Fahrers Patrik Sinkewitz aber ist klar: In Freiburg wurde noch bis mindestens in den Sommer 2006 hinein gedopt. Die Methode der Wahl – weil nicht nachweisbar – war vor allem Eigenblutdoping. Wer die Vermutung hegt, dass sich diese Art der Leistungssteigerung auch in der Radsaison 2007 größter Beliebtheit erfreut hat, wird sich damit nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Die ersten Ansätze, dem Eigenblutdoping zum Beispiel mittels Blutprofilen auf die Spur zu kommen, dürften frühestens 2008 greifen.

Noch einmal für Aufsehen gesorgt hat vor wenigen Wochen die Meldung von fingierten Akten, die augenscheinlich das Eigenblutdoping verschleiern sollten. Laut Freiburger Staatsanwaltschaft sind für mindestens drei Radprofis solche Akten mit falschen Namen und falschen Adressangaben angelegt worden, es können jedoch auch mehr sein. Hoffnung auf weitere Erkenntnisse setzt die Staatsanwaltschaft auf die Auswertung der in der Sportmedizin und in den Privaträumen von Heinrich und Schmid beschlagnahmten Computer. Da es dabei auch darum geht, bereits gelöschte Daten wieder sichtbar zu machen, kann sich diese Auswertung, die beim Bundeskriminalamt vorgenommen wird, noch eine Weile hinziehen.

Möglicherweise wird sich dann auch die Frage klären, ob es neben Schmid und Heinrich noch weitere Ärzte an der Uniklinik gab, die in jüngerer Zeit Sportler beim Doping unterstützt haben. “Wir schließen das nicht aus”, sagt Wolfgang Maier, “bis jetzt handelt es sich aber nur um die zwei Beschuldigten.” Die Causa Huber ist für die Staatsanwalt uninteressant, von ihm sind keine Dopingverfehlungen im strafrechtlich relevanten Zeitraum bekannt.

Nur zwei Einzeltäter?

Doch die strafrechtlichen Ermittlungen sind eine Sache, die Frage, die die Öffentlichkeit weit mehr interessieren würde, ist, inwieweit Dopingpraktiken an der sportmedizinischen Abteilung der Uniklinik System hatten, wie alt dieses System ist, wer aktiv darin mitgewirkt hat und wer zumindest davon gewusst hat. Das sind spannende Fragen, die weit über die Uniklinik hinausreichen – möglicherweise bis hinein in die Kreise der Sportverbände und der Sportpolitik.

Unübersehbar ist das Bemühen der Uniklinikleitung, die Verfehlungen Heinrichs und Schmids als bestens getarnte Missetaten Einzelner darzustellen. Dem haben Heinrich und Schmid selbst bislang wenig bis gar nichts entgegengesetzt – beide schweigen seit Ende Mai beharrlich. Lediglich von Heinrichs Anwalt Thorsten Wacha war einmal zu hören, sein Mandant sei möglicherweise lediglich in das bereits an der Uniklinik bestehende Dopingsystem integriert worden, als er 1996 seine Arbeit aufnahm.

Zuletzt ist auch der Leiter der sportmedizinischen Abteilung, Hans-Hermann Dickhuth, etwas aus der Schusslinie genommen worden. Nachdem der Leiter der internen Dopinguntersuchungskommission Hans Joachim Schäfer noch vor wenigen Monaten laut die Frage gestellt hat, ob es sein könne, dass Dickhuth von den Dopingmachenschaften seiner Mitarbeiter nichts mitbekommen habe, erklärt Schäfer nun, dass die Untersuchungskommission bislang in der Sportmedizin keinerlei Anzeichen für eine Mitwisserschaft gefunden habe, die über Schmid und Heinrich hinausreiche – zumindest, was die jüngsten Dopingaktivitäten anbelangt.

Das freilich wirft neue Fragen auf. Etwa, wenn man davon ausgeht, dass zumindest während der Ära von Joseph Keul der laxe Umgang mit der Dopingproblematik in den betreffenden Kreisen kein Geheimnis war. Neben Keuls großer Anhängerschaft in der Sportmedizin und darüber hinaus gab es schließlich auch überaus kritische Stimmen, wie etwa die des Gießener Sportmediziners Paul Nowacki. Wie also kann es sein, dass seit Keuls Tod im Jahr 2000 die Dopingmachenschaften an der Freiburger Uniklinik so komplett in den Untergrund verschwunden sind, dass nicht einmal mehr im direkten Umfeld davon etwas mitzubekommen war?

Alexander Huber, DER SONNTAG, 30. Dezember 2007

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