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Von der Kunst des Hinschauens

Fangen wir mit dem Positiven an: Die Universität Freiburg hat sich einmal mehr als exzellente Forschungseinrichtung präsentiert – auch in einem Fall, wo das Forschen vielleicht nicht ganz so viel Freude bereitet wie sonst üblich, weil es um Verfehlungen in den eigenen Reihen ging. Obwohl bislang nur ein Zwischenbericht, kann man schon jetzt prophezeien, dass die Ergebnisse der Doping-Kommission unter Federführung des Reutlinger Richters Hans-Joachim Schäfer einmal in die Annalen der deutschen Sportgeschichte eingehen werden. Zwar hat die Kommission nur wenig ans Tageslicht gefördert, was die ohnehin schon skeptische Öffentlichkeit wirklich überrascht hätte, aber sie hat zweifelsfrei und detailliert dargestellt, dass mindestens 13 Jahre lang im Top-Team des deutschen Radsports systematisch und kontinuierlich gedopt wurde.

Nochmal langsam zum Mitschreiben: Ein ehemaliger Staatskonzern hat über viele Jahre viele, viele Millionen Euro in eine Truppe gesteckt, in der der Sportbetrug mit geradezu mafiösen Methoden exerziert wurde. Und damit nicht genug: Nach dem Festina-Skandal 1998 spielte sich die Telekom als Vorreiter des Antidoping-Kampfes auf und förderte mit dem Arbeitskreis “Dopingfreier Sport” ein Gremium, in dem sich die Wölfe als Schafe tummelten, während sie die Infrastruktur des Arbeitskreises zum Teil nutzten, um weiter unbehelligt dealen zu können.

Extrem schwer fällt es jedenfalls, daran zu glauben, dass all das geschehen konnte, ohne dass auch nur der Hauch einer Ahnung das unmittelbare Umfeld umwehte. Womit wir zum unangenehmen Teil kämen: Die Uni Freiburg – und mit ihr Verbände und Teile der Sportpolitik in Land und Bund – tun immer noch so, als sei der Doping-Skandal mit dem “Spiegel”-Artikel Ende April 2007 quasi vom Himmel gefallen. Die Presse habe bis dahin doch auch nur gejubelt, wenn es um den deutschen Radsport ging, erklärte Hans-Hermann Dickhuth. Das stimmt – aber eben nur zum Teil. Womöglich hat der Chef von Lothar Heinrich, Andreas Schmid und Georg Huber immer nur die Zeitung mit den großen Buchstaben gelesen und fleißig ARD geguckt. Seit 1999 wurde in nicht ganz unwichtigen deutschen Presseorganen wie “Spiegel”, “Süddeutsche”, “FAZ” und anderen die Rolle der Uniklinik Freiburg beim Thema Doping problematisiert. Anlässe, mal genauer hinzuschauen gab es längst – das muss sich die Uni Freiburg, ihre jetzigen Aufklärungsbemühungen in allen Ehren, sagen lassen.

Es spricht sehr viel dafür, dass es mindestens eine Ahnung gab. Doch ähnlich dem Zuschauer eines Horrorstreifens hat man nicht hingeschaut, hat man rechtzeitig weggezappt, weil man spürte, dass da was höchst Unappetitliches kommen könnte. Beim Profiradsport ist die Ahnung inzwischen zur bitteren Gewissheit geworden. Vielleicht könnte man nun eine Lehre ziehen für die vielen anderen Sportarten, bei denen es bislang auch nur so eine Ahnung gibt: Nämlich ganz, ganz genau hinzuschauen.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 23. März 2008

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