NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

NullEinsund42 header image

Wasser und Bananen

Die Doping-Probleme der Uniklinik Freiburg gehen über Schmid und Heinrich hinaus

Der Radsport liegt am Boden, und die Uni Freiburg ist in den Doping-Strudel voll mit hinein geraten. Doch während sich in der Szene der Berufsradler – allen Geständnissen zum Trotz – wohl nichts zum Guten ändern wird, bekommt die Uniklinik mit dem Desaster die Chance auf einen Neuanfang. Der aber wird nur gelingen, wenn die unrühmliche Vergangenheit lückenlos aufgeklärt wird. Die drei nun geschassten Ärzte, so viel deutet sich an, sind nur die Spitze des Eisberges. Denn sie stehen in einer zweifelhaften Tradition.

Ausgerechnet im Jahr des großen Jubiläums schlittert die Uni Freiburg in eine schwere Krise. Mehr noch: Im Herbst steht die Endausscheidung der Exzellenzinitiative an. Da geht es um staatliche Millionenzuschüsse. Man kann sich vorstellen, wie es in Uni-Rektor Wolfgang Jäger nun brodelt. Entsprechend hart hat Jäger auf den Dopingskandal an seinem sportmedizinischen Institut reagiert: Er hat die gesamte Betreuung des Hochleistungssports ausgesetzt und will die verschiedenen Bereiche nun gründlich analysieren lassen. Mit einem offenen und transparenten Verfahren hofft Jäger sogar punkten zu können: “Viele haben bewundert, wie wir damit umgehen.”

Eine gründliche Aufarbeitung des Themas Doping scheint in Freiburg – trotz der Geständnisse von Lothar Heinrich, Andreas Schmid und gestern Georg Huber – denn auch dringend angebracht. Denn so kritikwürdig das Handeln dieser Ärzte ist – es wäre ebenso ungerecht wie kurzsichtig, sie nun zu den alleinigen Buhmännern zu machen und die Angelegenheit damit abzuhaken. “Das sind nur ein paar Blasen, die nun aus diesem Sumpf aufsteigen”, sagt Paul Nowacki, Sportmediziner und emeritierter Professor an der Uni Gießen. Ein Sumpf, den Kritiker schon seit einigen Jahrzehnten brodeln sehen und bei dessen Beschreibung immer wieder vor allem ein Name fällt: Joseph Keul.

Keul hat in Freiburg Dopingforschung betrieben – so lautet der schwere Vorwurf. Nowacki selbst gibt an, Belege dafür zu haben, dass in den 80er-Jahren in Freiburg mit Cortison experimentiert wurde – mit dem Ziel, es auf seine leistungssteigernde Wirkung hin zu untersuchen.

Viele Dinge erscheinen nun in einem neuen Licht, und natürlich besteht dabei die Gefahr überzureagieren. Doch die Fragen müssen gestellt werden. Wie etwa ist es zu bewerten, dass Keul immer wieder – noch 1999 – die Wirksamkeit von Epo kleinredete? Genauso übrigens, wie er bereits rund 25 Jahre vorher Anabolika verharmloste. In einem Interview von 1997, wenige Tage vor dem Toursieg von Jan Ullrich, wiegelt Keul alle Fragen zu Doping ab, sprach neben Epo auch Anabolika nur geringe Effekte zu und antwortete auf die Frage “Wie schaffen die das?”: “Hauptsächlich mit Bananen und Wasser, das mit Traubenzucker, Stärke, Magnesium, Calcium und Natrium angereichert wird.” 1998 wiederum wird Keul in einem “Spiegel”-Artikel zitiert, Epo biete sich als Ersatz für Höhentraining an.

Doping schon in den 50ern

1998 war auch das Jahr, als die Telekom – unter dem Eindruck des Festina-Skandals – 1,4 Millionen D-Mark für Antidoping-Forschung locker machte. “Bei der Dopingbekämpfung im Radsport fährt die Telekom vorneweg”, schrieb die “Ärzte Zeitung” im Mai 1999 – heute klingt das wie Hohn. Sonderlich ergiebig waren die Forschungen – die Gelder waren für drei Jahre ausgelegt – wohl nicht. Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie in Köln, einer der drei Mitglieder der aktuellen externen Untersuchungskommission, hat damals auch einen “kleinen Teil” der Gelder zu Forschungszwecken bekommen. An besondere Ergebnisse kann er sich nicht erinnern. Auf alle Fälle gab es, wie Schänzer meint, keinen substantiellen Beitrag zur Entwicklung einer Epo-Nachweismethode – einer der erklärten Ziele des damaligen Telekom-Antidoping-Engagements. Dieser Nachweis kam dann 2001 aus Frankreich. Ach ja: Die Telekom-Gelder wurden damals zur Verteilung einer “unabhängigen Kommission” anvertraut. Deren Leiter: Joseph Keul.

Keuls Einfluss reichte weit über Freiburg und über die Medizin hinaus. Es gibt Anzeichen dafür, dass er zum Thema Doping einen Austausch mit DDR-Ärzten pflegte und man sich zu gegenseitigem Stillschweigen verpflichtete. Gleichzeitig verfügte der Freiburger Arzt über beste Kontakte in die Sportverbände und in die Politik. Und in weiten Teilen der Sportärzteschaft bewahrt man ihm bis heute ein ehrenvolles Andenken. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), die “zentrale ärztliche Institution auf dem Gebiet der Sportmedizin” – deren Geschäftsstelle die gleiche Postanschrift trägt wie die nun ins Kreuzfeuer geratene sportmedizinische Abteilung – vergibt auch in diesem Jahr wieder 5000 Euro zur “Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der gesamten Sportmedizin”. Der Name dieser Auszeichnung: Joseph-Keul-Forschungspreis.

Doch selbst vor Keul gab es schon verdächtiges Treiben in Freiburg. So gibt es schwerwiegende Hinweise darauf, dass schon Keuls Vorgänger Herbert Reindell großes Interesse an leistungssteigernden Mitteln hatte. Der Journalist Eric Eggers am 28. Dezember 2006 in der “taz”: “Die drohende Gefahr aus dem Ostblock war wohl mitverantwortlich dafür, dass in den frühen 50er-Jahren einige führende bundesdeutsche Sportmediziner im Verborgenen Dopingforschung betrieben. Als Zentrum dieser Forschung schälte sich die Universität Freiburg heraus.”

Alexander Huber, DER SONNTAG, 27. Mai 2007

Keine Kommentare

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar