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Wie der Urlaub in den Wald kam

100 Jahre organisierter Tourismus im Schwarzwald

Für den Tourismus im Schwarzwald ist 2006 ein bedeutsames Jahr. Nach langem und zähen Ringen, ist es endlich gelungen, mit der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) einen zentralen Verband zu schaffen, der die Ferienregion Schwarzwald einheitlich in aller Welt vertritt. Und wie es der geschichtliche Zufall will, jährt sich eben in diesem Jahr der Fusion aller Schwarzwälder Fremdenverkehrsverbände die Gründung des ersten Tourismusverbandes zum 100. Mal, der schon damals die Idee hatte, den Schwarzwald als eine Marke zu etablieren: Am 16. Juni 1906 entstand der “Badische Landesverband zur Hebung des Fremdenverkehrs” in Karlsruhe. Was folgte, war eine komplizierte Geschichte von weiteren Verbandsgründungen, gescheiterten Zusammenschlüssen und immer neuen Aufsplitterungen – vor allem befördert dadurch, dass am Schwarzwald Badener wie Württemberger Anteil haben. Nun aber, bemerkt STG-Geschäftsführer Christopher Krull mit nicht zu überhörender Erleichterungen, “tut es gut, auch mal in den Rückspiegel schauen zu können”. Und dabei zeigt sich: Urlaub ist mehr als nur Erholung.

Urlaub und technischer Fortschritt

Wer in der Fremde Urlaub machen will, muss sein Ziel irgendwie erreichen. Diese Binsenweisheit erscheint heute so selbstverständlich, dass man leicht vergisst, wie elementar der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur für die Entwicklung des Tourismus im Schwarzwald war. Zwar führten schon zuzeiten der Römer Handelswege durch den Schwarzwald, doch es gab nur drei Hauptverbindungen zwischen der Ost- und der Westseite des Mittelgebirges und selbst die waren über Jahrhunderte hinweg oft kaum mehr als besser ausgebaute Fußwege. Im 18. Jahrhundert führten die ersten Postkutschenlinien dazu, dass die wichtigsten Wege verbreitert wurden, doch erst die Erfindung der Eisenbahn ermöglichte es, Menschen in größerer Zahl in den Schwarzwald zu bringen. 1873 ging die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Singen in Betrieb, 1887 wurde die Höllentalbahn eingeweiht – noch heute eine beeindruckende Ingenieurleistung.

Die ersten Motorkraftwagen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Schwarzwald fuhren, waren offene Omnibusse. Die miserablen Straßenverhältnisse, die ständig zu Pannen führten, ließen die meisten Buslinienbetreiber jedoch schon bald wieder aufgeben. Der große Automobil-Boom im Schwarzwald sollte noch ein wenig auf sich warten lassen, doch nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte das “Autowandern”, das bereits in den 20ern bei gut betuchten Urlaubern en vogue war, eine heute geradezu erschreckend anmutende Popularität. Die Verlängerung der Autobahn von Karlsruhe nach Basel 1962 feierte man frenetisch: “Mit der Autobahn in den Schwarzwald” lautete der Slogan; in der Folge entstanden Themenstraßen wie die “Badische Weinstraße” 1954 und die “Schwarzwald Tälerstraße” 1960, auf denen die Autowanderer in Scharen entlang fuhren.

Der technische Fortschritt war für die Schwarzwälder Segen und Fluch zugleich. Die Industrialisierung vernichtete nach und nach die traditionellen Gewerke im Schwarzwald, wie etwa die handwerkliche Uhrenproduktion. Doch der Tourismus erschloss neue Möglichkeiten. 1891 gelang einem Franzosen mit Skiern der Aufstieg zum Feldberg, und die Begeisterung darüber war so groß, dass noch im gleichen Jahr der erste deutsch Skiclub in Todtnau gegründet wurde. Schon 1892 begann die Firma Köpfer in Bernau mit der Produktion von Skiern in Serie. Wintersport wurde immer populärer und bot damit auch den Gasthöfen neue Einnahmequellen – mussten sie doch bis dahin ihren Betrieb im Winter dicht machen.

Urlaub und Sehnsucht

Die Bewohner des Schwarzwaldes dürften ihr Leben selten als besonders romantisch empfunden haben, doch für die Touristen war er fast von Anbeginn an eine Projektionsfläche ihrer Sehnsucht nach einer heilen Welt. Die Romantik-Renaissance Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Zurück-zur-Natur-Philosophie trug viel zum touristischen Aufschwung im Schwarzwald bei, und das Bild vom schlichten, aber glücklichen Leben im Wald wird bis heute in vielerlei Facetten kolportiert. 1880 wurde die Gutacher Künstlerkolonie gegründet, die entscheidend zum Klischee der Schwarzwälder Bollenhutträgerin beitrug, in den 50ern brachte das “Schwarzwaldmädel” Sonja Ziemann die Schwarzwaldidylle auf den Fernsehschirm – als erster deutscher Nachkriegsfilm in Farbe. Es folgten “Forellenhof”, “Schwarzwaldklinik”, “Die Fallers” und jüngst das “Schwarzwaldhaus 1902″.

Urlaub und Krieg: Wer meint, die beiden Weltkriege wären am Schwarzwald weitgehend spurlos vorbei gegangen, täuscht sich. Gerade die relative Abgelegenheit des Mittelgebirges wussten die Mächtigen für ihre Zwecke zu nutzen: als Raum zur Stärkung der Volksgesundheit, später als riesiges Lazarett und schließlich als Zufluchtsort für Flüchtlinge. Die Beliebtheit des Schwarzwaldes bei “Kraft durch Freude” (KdF) sorgte bei den Einheimischen für wenig Begeisterung. Die NS-Organisation diktierte die Preise: Statt der üblichen 5 Reichsmark pro Übernachtung mit Vollpension gab’s nur 2,80 Reichsmark. Bitten der Schwarzwälder, die KdF-Aktionen in die Nebensaison zu verlegen, wurden abschlägig beschieden.

Urlaub und Wirtschaft

Spätestens mit der Einführung des Anspruchs auf bezahlten Urlaub für breite Bevölkerungsschichten Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde der Tourismus im Schwarzwald zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Was auch gewisse Risiken mit sich brachte. Neue gesellschaftliche Entwicklungen und Trends zwangen die Touristiker immer wieder zu Anpassungen im Angebot. In den 50er-Jahren begann der Boom der Hotels, auch befördert durch die immer populärer werdende “Gesellschaftsreisen” mit Veranstaltern wie Hummel oder Touropa. Trotz immer weiter steigender Übernachtungszahlen gerieten die Hotels in den 80er-Jahren in eine schwere Krise – rund 900 Häuser mussten in dieser Zeit schließen – die Urlauber zog es eher in Ferienwohnungen oder auf Campingplätze. Nach dem Rekord von über 21 Millionen Übernachtungen im Schwarzwald 1991 in der Folge der Wiedervereinigung, pendeln sich die Übernachtungszahlen derzeit bei rund 18 Millionen ein. Doch für diese Zahlen muss man sehr viel mehr tun als früher: Blieb 1975 ein Gast im Schnitt noch 6,8 Tage in der Ferienregion, sind es heute gerade mal 3,1 Tage.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 18. Juni 2006

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