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Wirklich ahnungslos?

Die Rolle Freiburger Sportmediziner in den Radsport-Dopingaffären ist umstritten

“Wenn sie nie etwas gemerkt haben, dann müssen sie sich fragen, ob sie die richtigen Ärzte sind”, sagt der Anti-Doping-Experte Gerhard Treutlein, Sportwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. In das gleiche Horn stößt der Zell- und Molekularbiologe Werner Franke, einer der bekanntesten Doping-Bekämpfer Deutschlands, der schon öfter in Richtung Freiburg geschossen hat. Die jüngste Spitze konnte man am 30. Juni in der “Welt” lesen, als Franke über einen seiner Ansicht nach unglaubwürdigen ARD-Bericht zum Thema Doping herzog. Auf “viele nicht-deutsche Dopingtäter” sei da gezeigt worden, ätzt Franke, “immer im Gegensatz zu den sauberen germanischen Lichtgestalten, deren Reigen von Jan Ullrich, Dr. Heinrich und Gerolsteiner-Chef Holczer angeführt wurde”.

Im Gespräch mit “Der Sonntag” wunderte sich Franke besonders darüber, dass die Sportärzte von der Freiburger Uniklinik offenbar nichts dagegen einzuwenden hatten, dass ihre Patienten bei anderen Kollegen in Behandlung waren. “Wenn ich weiß, dass jemand noch woanders hingeht, dann muss ich meine Behandlung sofort einstellen – oder meinem Patienten verbieten, sich anderswo behandeln zu lassen.” Und wenn die anderen Ärzte nur Trainingspläne geschrieben haben, wie das Team T-Mobile erklärte, als bekannt wurde, dass drei ihrer Fahrer Kontakt zum höchst umstrittenen Radsportarzt Michele Ferrari hatten? “Wie naiv muss man eigentlich sein?”, meint dazu Werner Franke.

Die Frage ist nicht unberechtigt. Warum nimmt jemand Kontakt zu einem überführten Doping-Arzt auf, nur um sich beim Training helfen zu lassen? Schließlich schreibt T-Mobile-Arzt Heinrich selbst Trainingspläne. Gerhard Treutlein ist die Einmischung der Ärzte in die Trainingsgestaltung insgesamt suspekt: “Seit wann machen Mediziner das Training? Ich versuche mich ja auch nicht als Hobbychirurg.”

Dafür, dass die Freiburger Sportärzte in der aktuellen Affäre um Jan Ullrich Hinweise auf Doping hatten, gibt es derzeit keine Belege, zumal – und darauf weist man vonseiten der Uniklinik nachdrücklich hin – ein Beweis für Dopingmanipulationen bei Ullrich noch nicht erbracht ist. Journalist Ralf Meutgens meint: “Ich halte die Überraschung der Teamärzte für realistisch.”

Das gilt freilich nur für die aktuelle Affäre. Vor einem Jahr hinterfragte Meutgens in der “FAZ” die “heile Welt in Magenta” und warf auch einen kritischen Blick nach Freiburg: “Kritiker fragen sich schon lange, wie es möglich ist, dass das Team Telekom seine Mediziner aus der Sportmedizinischen Abteilung der Uniklinik Freiburg beziehen kann. Als aktive Dopingbekämpfer können sich die Mediziner im Rad-Umfeld wohl kaum profilieren.”

Zweifel an der Glaubwürdigkeit äußert auch der Journalist Andreas Singler: “Für mich scheinen Ärzte wie Lothar Heinrich mehr Image-Manager des Radsports zu sein denn besorgte ärztliche Begleiter einer notorisch dopingverseuchten Szene. So hat sich Lothar Heinrich vor kurzem immer noch dahingehend geäußert, die überwiegende Mehrheit der Fahrer verkrafte die Tour ungedopt. Doch woher will er das eigentlich wissen? Er weiß ja – angeblich – nicht einmal, was sein prominentester Patient, Jan Ullrich, macht.”

Namen von Freiburger Sportmedizinern liest man im Zusammenhang mit Doping immer wieder. Im September 2004 reagierte Sylvia Schenk, damalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, äußerst ungehalten, weil sie erst nach der Olympiade beiläufig erfuhr, dass es beim Bahnradfahrer Christian Lademann schon vor den Olympischen Spielen Unregelmäßigkeiten bei den Blutwerten gegeben hatte. Der Freiburger Sportarzt Olaf Schumacher hatte die Erkenntnisse nicht an Schenk weitergegeben, “obwohl es dafür klare Regeln gab”, wie Schenk gegenüber “Der Sonntag” erklärte. Im Streit um die Affäre trat Schenk schließlich zurück.

Lebensrettendes Epo

Auch beim Thema Epo hielten sich Sportmediziner der Uniklinik Freiburg häufig auffallend zurück. In den 90er-Jahren zählte man geschätzte 30 mysteriöse Todesfälle bei jungen Radsportlern, die teilweise im Schlaf starben. Bis heute gibt es keine Beweise, aber Hinweise darauf, dass Epo eine Rolle spielen könnte. Der Freiburger Sportmediziner Georg Huber erklärte dagegen noch 2003 in der “Welt”: “Doping durch Epo oder Anabolika kann [bei den Todesfällen, Anm. d. Red.] kaum eine Rolle spielen. Für Hunderttausende von nierenkranken oder krebskranken Menschen sind Epo und Anabolika lebensrettend.” Und der 2000 verstorbene Sportmediziner Joseph Keul, zu dessen Assistenten neben Huber auch Lothar Heinrich gehörte, meinte 1997 angesichts des Tour-Sieges von Jan Ullrich zum Thema Epo: “Der Effekt ist gering.”

Reichen all diese Mosaiksteine, um Freiburger Ärzten Mitwisserschaft zu unterstellen? Der Sportjournalist Thomas Kistner immerhin meinte vor wenigen Tagen in der “Süddeutschen”: “Auf Teilen der Freiburger Ärzteschaft jedenfalls liegt seit den Zeiten des Olympiadoktors Keul ein Schatten, es wird erhellend sein, wie nun dort reagiert wird.”

Alexander Huber, DER SONNTAG, 9. Juli 2006

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