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Wissenschaft im Zwielicht

Wie eine Studie über das Kinderkrebs-Risiko im Umfeld von Atomkraftwerken fast aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwand

Am 11. Dezember 2007 stellt die SPD-Landtagsfraktion auf Initiative des Lörracher Abgeordneten Rainer Stickelberger einen Antrag an den Landtag in Stuttgart: “Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, zu berichten, wie sie die durch das Bundesamt für Strahlenschutz vorgelegte Studie bewertet, nach der die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung bei Kindern in der Umgebung von Atomkraftwerken signifikant erhöht ist.” Die angesprochene Studie, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt bald als KiKK-Studie bekannt werden soll, ist zu diesem Zeitpunkt taufrisch und wirbelt zunächst mächtig Staub auf. Stickelbergers Motivation für den Antrag ist klar: Als Abgeordneter einer Region in unmittelbarer Nähe zum umstrittenen elsässischen Kernkraftwerk Fessenheim müssen neue Erkenntnisse zu der Frage, inwieweit Kernkraftwerke im Normalbetrieb eine Bedrohung darstellen könnten, von höchstem öffentlichen Interesse sein. Zwar bezog sich die Studie nur auf deutsche AKW, doch, so Stickelberger, die mögliche Strahlengefährdung mache “ja nicht vor Staatsgrenzen halt”.

Als das Stuttgarter Umweltministerium der SPD am 7. Januar 2008 in einer Stellungnahme antwortet, hat sich der erste Pulverdampf, den die KiKK-Studie aufgewirbelt hatte, bereits verzogen. In der Öffentlichkeit hat sich rasch, auch dank der Unterstützung der meisten Medien, der Eindruck verbreitet, die Studie müsse wohl doch nicht so heiß gegessen werden. Entsprechend fällt die Antwort des Umweltministeriums aus: “Die Landesregierung teilt die in der Studie geäußerte Auffassung, dass nach dem heutigen Wissensstand die Strahlung, die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb ausgeht, als Ursache für die beobachtete Risikoerhöhung nicht in Betracht kommt.”

Der Verdächtige kann nicht der Schuldige sein?

Tatsächlich? Tatsächlich zitierte das Umweltministerium (fast wortwörtlich) die Deutung der Studienergebnisse, wie sie die Autoren selbst vorgenommen hatten. Zum Ergebnis der Studie selbst aber sagte damals einer der Autoren, der Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters, Peter Kaatsch: “Unsere Studie bestätigt, dass sich in Deutschland ein Zusammenhang beobachten lässt zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und dem Risiko eines Kindes, vor seinem fünften Geburtstag an Krebs zu erkranken.”

Je näher dran am Verdächtigen desto höher das Risiko, aber dennoch kann der Verdächtige nicht der Schuldige sein? Wie ist das möglich? Wer sich auf Spurensuche begibt, erkennt nicht nur schnell, wie unterschiedlich sich scheinbar eindeutige wissenschaftliche Ergebnisse interpretieren lassen. Er erfährt auch einiges darüber, wie mit Wissenschaft Politik gemacht wird.

Das Ringen um die KiKK-Studie begann bereits, bevor eine einzige Zeile geschrieben war. Dass sie überhaupt vom Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegeben wurde, geschah nicht ganz freiwillig. Es gab Studien im Vorfeld, die Verdachtsmomente enthielten, und solche, die geeignet waren, den Verdacht auszuräumen. Unter Letzteren tat sich besonders eine Studie von Jörg Michaelis, Kaatschs Vorgänger beim Kinderkrebsregister in Mainz, hervor. Diese, als Michaelis-Studie bekanntgewordene Untersuchung, weckte das Interesse eines bayerischen Physikers: Alfred Körblein. Körblein nahm die Daten genauer unter die Lupe und stellte fest: Auch in der Michaelis-Studie konnte man einen Zusammenhang zwischen einer Erhöhung des Krebsrisikos für Kinder unter fünf Jahren feststellen, wenn diese in einem Umkreis von weniger als fünf Kilometern vom AKW wohnen. Dass die Studie selbst nicht zu diesem Ergebnis gekommen war, begründete Körblein mit dem methodischen Vorgehen. Unter anderem waren in der Studie auch Forschungsreaktoren und stillgelegte Anlagen in die Auswertung miteinbezogen worden.

Körblein – ein akribisch arbeitender Wissenschaftler von eher zurückhaltender Natur, der Ungereimtheiten anprangert, egal aus welchem Lager sie stammen – hielt sich mit Vorwürfen zurück. Gleichwohl geriet er bald in die Kritik und wurde als “texanischer Scharfschütze” bezeichnet, der erst mal drauf losfeuert, um hernach die Zielscheiben um die Einschusslöcher zu malen. Dennoch gaben Körbleins Ergebnisse, nachdem sie von Atomkritikern wie der Organisation der Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) aufgegriffen worden waren, den Ausschlag dafür, eine neue Studie zu starten – die KiKK-Studie. Sie sollte alle 15 deutschen AKW-Standorte im Hinblick auf die Kinderkrebshäufigkeit unter die Lupe nehmen – aber eben nur diese.

Wohl wissend, dass es sich um eine heikle Angelegenheit handelt, berief das Bundesamt für Strahlenschutz zusätzlich eine externe Expertenkommission, die die KiKK-Autoren vom Kinderkrebsregister kritisch-beratend begleiten sollte. Aus der Begleitung wurde freilich ein von mehr oder minder offen ausgetragenen Animositäten begleitetes Gegeneinander. Irgendwann brach die Kommunikation zwischen Studien-Autoren und externen Experten vollends ab. Zum Knall kam es dann nach Abschluss der Studie, als das externe Expertengremium der Deutung der KiKK-Ergebnisse durch Kaatsch und seine Studien-Mitarbeiter vehement entgegentrat: “Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium einhellig der Überzeugung, dass dieser Zusammenhang [zwischen Krebsrisiko für Kinder und der von Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierten ionisierenden Strahlung] keinesfalls ausgeschlossen werden kann.”

Welche Seite hat recht? Mit Gewissheit kann das derzeit niemand sagen. Der eigentliche Knackpunkt in der Diskussion ist die Frage nach den Grenzwerten. Schließlich ist ein Hauptargument der Atomindustrie, dass die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb abgegebene Strahlung um den Faktor 1000 und mehr niedriger sei als die natürliche Strahlenbelastung. Ergo könnten sie nicht für gesundheitliche Schäden verantwortlich sein.Tatsächlich? Tatsächlich ist die Grenzwert-Debatte eine mit unzähligen Unsicherheiten und Fallstricken behaftete Angelegenheit. “Die Strahlendosisberechnung hat mit Wissenschaft wenig zu tun. Das ist ein bürokratischer Vorgang”, sagt der Berliner Journalist Thomas Dersee, der sich seit Tschernobyl mit dem Thema radioaktive Niedrigstrahlung beschäftigt.

Ein bürokratischer Vorgang, der zwar im Laufe der Jahre immer wieder ein wenig angepasst wurde, im Großen und Ganzen aber seinen Ursprung in den späten 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts hat. Damals machte man sich – im Nachgang zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki – Gedanken weniger um gesundheitliche Auswirkungen von radioaktiver Niedrigstrahlung als vielmehr um eine mögliche Schädigung des Erbguts im Hinblick auf künftige Generationen. Vor allem aber machte man sich Sorgen um eine möglichst reibungslose Weiterentwicklung der Kernenergie. Als etwa 1965 Empfehlungen für Grenzwerte erarbeitet wurden, die auch in Deutschland relevant werden sollten, war der Internationalen Strahlenschutzkommission wichtig, dass diese “einen vernünftigen Spielraum für die Ausweitung von Atomenergieprogrammen gewähren”.

“Ich hatte diese Kumpanei so satt”

Auf solche und noch mancherlei mehr Merkwürdigkeiten war der Münchner Mediziner und Biochemie-Professor Roland Scholz gestoßen, als er die mit vielen Ungereimtheiten befrachtete Entstehungsgeschichte der Grenzwerte untersuchte. Das war 1998. Die grundlegenden Erkenntnisse seiner Studie zur “Verlässlichkeit der Strahlenschutzbestimmungen” aber seien noch heute gültig, erklärt Scholz. Auftraggeber der damaligen Arbeit war das Finanz-und- Energie-Ministerium des Landes Schleswig-Holstein. Hintergrund war die Arbeit einer Kommission, die über mehr als ein Jahrzehnt die Kinderleukämie-Fälle in der Umgebung des AKW Krümmel untersuchen sollte.

Krümmel – das Kernkraftwerk, das nach diversen Pannen erst gestern mit einer Reaktorschnellabschaltung wieder Schlagzeilen machte, lässt den Puls vieler Kernkraftgegner hochschnellen. Nur den von Roland Scholz nicht mehr. Nach Jahren der Mitarbeit in der Untersuchungskommission gab er 2001 auf und zog sich aus der öffentlichen Diskussion zurück. Weniger erschöpft denn resigniert sei er gewesen, erklärt Scholz, und wird dann doch noch einmal sehr deutlich: “Ich hatte diese ganze Kumpanei von Politik, Wissenschaft und Industrie so satt.”

Einer, der immer noch öffentlich seine Meinung sagt, ist Scholz’ Münchner Kollege Edmund Lengfelder. Der Strahlenbiologe, Ehrendoktor der Münchner Universität, kennt die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vermutlich so gut wie kein Zweiter in Deutschland. Seit 1990 ist er mehrmals pro Jahr in der Katastrophen-Region und behandelt dort strahlengeschädigte Menschen. Auch Lengfelder war in der Krümmel-Kommission. Was er dort erlebte, erinnerte ihn an Tschernobyl: “Beispiele der Mechanismen von Verschleierung und Verdunklung in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Staatsverwaltung.” So lautet der Untertitel eines Berichtes, den Lengfelder 2007 auf Bitten der Landtagsverwaltung von Niedersachsen anfertigte. Darin beklagt er sich über die fortwährende Behinderung der atomkritischen Mitglieder in der Krümmel-Kommission, die laut Lengfelder bis hin zur Vorlage von gefälschten Messergebnissen und einer persönlichen Diffamierungskampagne reichten, die Lengfelder schließlich per Gericht stoppen lassen musste.

“Das erfüllt denTatbestand von Betrug”

Auch zur landläufigen Interpretation der KiKK-Studie hat Lengfelder eine deutliche Meinung. Den KiKK-Autoren warf er vor: “Sie unterdrücken das vorher festgelegte methodische Prinzip: Abstand vom AKW als Ersatzgröße für Strahlenexposition. Dieses Vorgehen erfüllt den Tatbestand von Fälschung beziehungsweise Betrug in der Wissenschaft.”

Hinter den Kulissen geht das Ringen um die KiKK-Studie bis heute weiter. Und es erhält neue Nahrung, denn im Vorfeld der Bundestagswahl werden die Geschütze in Stellung gebracht. Die Atomindustrie wittert angesichts eines bevorstehenden Regierungswechsels Morgenluft bei der Diskussion um die Verlängerung der AKW-Laufzeiten und verstärkt ihre Bemühungen, die Öffentlichkeit von einer sicheren und sauberen Kernenergie zu überzeugen.

Doch auch Atomkraft-Sympathisanten könnten sich ja mal die Frage stellen, warum angesichts einer derartigen Hochrisiko-Technologie die Beweislast offenbar immer nur auf Seiten der Kritiker liegt. Warum muss nicht mal die Atomlobby den Beweis für die Ungefährlichkeit ihrer Technologie bringen? So handfest und unumstößlich, wie sie ihn umgekehrt von den Gegnern immer einfordert.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 5. Juli 2009

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