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Zurück in die Zukunft

Die lange und verzwickte Geschichte des Integrierten Rheinprogramms

Der Startschuss für eine weitere Etappe ist gefallen: Im Herbst sollen die Arbeiten für das Integrierte Rheinprogramm (IRP) zwischen Weil am Rhein-Märkt und Breisach beginnen. Obwohl insgesamt weniger in der Öffentlichkeit präsent als der Ausbau der Rheintalbahn, ist auch das 500 Millionen Euro teure IRP ein Mammut-Projekt von historischen Dimensionen. Inzwischen ist das Ringen um einen zeitgemäßen Hochwasserschutz am Rhein zu einer langen, verzwickten und umstrittenen Geschichte geworden.

Es sind die Sünden der Vorväter, die der heutigen Generation eine gewaltige Kraftanstrengung abverlangen: Tullas Rheinkorrektur Anfang des 19. Jahrhunderts, vor allem aber der Bau des Rheinseitenkanals nach dem Ersten Weltkrieg haben dazu geführt, dass aus dem einst sehr ausufernd dahinfließenden Fluss ein potenziell höchst gefährlicher Strom geworden ist. Weil die Ausweichmöglichkeiten am Oberrhein fehlen, laufen die Menschen vor allem am Mittel- und Niederrhein Gefahr nasse Füße zu bekommen.

Ein Erbe des Krieges

Mit dem Neubau von 13 Rückhalteräumen für insgesamt fast 170 Millionen Kubikmeter Wasser schultert Baden-Württemberg einen ordentlichen Brocken des neuen Hochwasserschutzes. Dabei liegt die Ursache für die prekäre Situation eher auf der französischen Seite, woraus hinter vorgehaltener Hand niemand ein Geheimnis macht, worüber offiziell aber keiner gerne redet: Denn der Rheinseitenkanal mit den dazu gehörigen – ökologisch sehr heiklen – Staustufen war ein französisches Projekt zur Nutzung der Wasserkraft des Oberrheins, die laut dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg den Franzosen (und zu einem kleinen Teil den Schweizern), aber nicht mehr den Deutschen zustand. Der Erste Weltkrieg ist eine Weile her, der Versailler Vertrag aber gilt immer noch. Und die Politiker hierzulande hüten sich, das deutsch-französische Verhältnis zu testen, indem sie diesen Vertrag in Frage stellen.

Ein weiterer Grund für das zurückhaltende französische Engagement beim IRP ist, wenngleich naheliegend, auch nur hinter vorgehaltener Hand zu hören: Wenn es am Rhein hochwassertechnisch richtig kritisch wird, hat der Fluss französische Gefilde längst verlassen. Immerhin: Frankreich hat sich verpflichtet, bei der Steuerung der Durchflussmengen an den Wasserkraftwerken auf Hochwasserbelange Rücksicht zu nehmen. Außerdem haben die Franzosen zwei Polder gebaut, die schon in Betrieb sind.

In Betrieb sind auch auf baden-württembergischer Seite bereits einige Rückhalteräume mit einem beachtlichen Stauvolumen – was vielen Menschen hier in Südbaden gar nicht so bewusst ist. Nördlich von Offenburg können insgesamt schon 67 Millionen Kubikmeter Wasser aufgefangen werden, das sind rund 40 Prozent des gesamten Stauvolumens des IRP in Baden-Württemberg. Der größte Rückhalteraum ist das Kulturwehr Kehl/Straßburg mit einem Volumen von 37 Millionen Kubikmetern.

Ökologische Flutungen

Direkt südlich davon liegt (mit einem Volumen von 17,5 Millionen Kubikmetern) der Polder Altenheim, der für die Hochwasserexperten eine besondere Bedeutung hat. Der Grund: Seit 1989 testet man hier die so genannten ökologischen Flutungen. Diese Flutungen verheißen auf der einen Seite eine Wiederkehr der Auenwälder am Rhein, die zwischenzeitlich fast vollständig verschwunden sind. Auf der anderen Seite sind sie aber auch der Hauptgrund für den erbitterten Widerstand, der dem IRP an vielen Stellen entgegenschlug und noch immer entgegenschlägt. Viele Anwohner fürchten eine Gefährdung ihrer Häuser durch die ökologischen Flutungen, zum Teil wird auch bemängelt, dass dadurch wertvolle Naturräume, die sich durch die inzwischen trockenen Verhältnisse etabliert hätten, wieder zerstört würden. Wie erbittert dieser Widerstand geführt wird, zeigt zum Beispiel der Abschnitt beim Kulturwehr Breisach. Gegen den dortigen Planfeststellungsbeschluss liegen mehrere Klagen vor.

Training für die Natur

Doch zunächst einmal: Wozu sind die ökologischen Flutungen überhaupt notwendig? Die Befürworter, unter anderem die Planer des IRP im Regierungspräsidium Freiburg, argumentieren so: Müssen die Rückhalteräume, etwa im Rahmen eines so genannten 200-jährigen Hochwassers, mit einem Mal geflutet werden, ohne dass dort vorher schon eine ans Feuchte angepasste Vegetation vorhanden ist, erleidet die Natur in diesen Räumen erheblichen Schaden. Durch die ökologischen Flutungen soll die Vegetation nach und nach “trainiert werden”, erklärt Wolfgang Migenda, Leiter des Referats IRP beim Regierungspräsidium Freiburg. Und der Polder Altenheim zeige, sagt Migenda, dass dieses Prinzip funktioniere – ohne Gefahr für die Anlieger.

Ähnlich sieht das Axel Mayer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Freiburg. Er hält den Behörden freilich vor, zu spät und zu ungeschickt auf die Ängste der Bevölkerung reagiert zu haben – und unter anderem auch dadurch zu der starken Verzögerung des IRP beigetragen zu haben. Gebremst haben aber auch zähe Verhandlungen mit den Franzosen. Diverse Einzelfragen, wie etwa die minimale Abflussmenge in den Restrhein am Stauwehr Märkt, sind immer noch nicht abschließend geklärt. Und zwischenzeitlich warfen auch wirtschaftliche Interessen dem Projekt Steine in den Weg. Die Kiesindustrie etwa fürchtet den Verfall der Preise durch die großen, beim Bau der Rückhalteräume anfallenden Kiesmengen.

Technokratische Lösungen

Mayer ist aber zufrieden, dass sich im Laufe der Jahre die Planungen für das IRP in eine “ökologisch sinnvolle Richtung” hinbewegt hätten. Nach 1982, als die Wiederherstellung des Hochwasserschutzes zwischen Deutschland und Frankreich vertraglich festgezurrt wurde, wären ziemlich technokratische Lösungen favorisiert worden, erinnert sich Mayer. Vielen ein Begriff ist noch der so genannte 90-Meter-Streifen: Ein durchgängiger 90 Meter breiter Streifen entlang des Restrheins zwischen Märkt und Breisach sollte die dort erforderlichen 25 Millionen Kubikmeter Rückhaltevolumen erbringen.

Stattdessen hat man nun eine Lösung mit einzelnen kürzeren, aber teilweise deutlich breiteren Räumen gefunden, die freilich auch – vor allem im Raum Hartheim – nicht nur Freunde hat. In sieben Jahren könnte dieser Abschnitt fertig sein; für viele Menschen ist das eine erfreuliche Perspektive. Der Lörracher Landrat Walter Schneider sagte bei der Unterzeichnung des Planfeststellungsbeschlusses vor wenigen Tagen: “In einer Generation soll der Rhein wieder eine ursprüngliche Flusslandschaft werden.”

Alexander Huber, DER SONNTAG, 8. Juni 2008

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