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Zwischen Pöbelei und Datenschutz

Vom schwierigen Weg niveau- und respektvolle Debatten im Internet zu organisieren

Mit dem Bereitstellen von Kommentar- und Diskussionsplattformen in ihren Online-Angeboten beschreiten Zeitungen und Zeitschriften ungewohntes Terrain. Das Ringen um niveau- und respektvolle Debatten im Netz gleicht mitunter einem Tanz auf der Rasierklinge.

“Kommentieren Sie unter Ihrem richtigen Namen”, forderte die Online-Redaktion der Badischen Zeitung Ende Februar die Leser ihrer Netz-Artikel auf und schaltete am Nachmittag des 25. Februar ihr Kommentar-System um: Fantasievolle Pseudonyme waren ab da nicht mehr zugelassen, erwartet werden seitdem Kommentare mit einem realen Vor- und Zunamen – sogenannte Echt- oder Klarnamen.

Was für jeden Leserbriefschreiber einer gedruckten Zeitung völlig selbstverständlich ist, wird von großen Teilen der Netz-Gemeinde mit unverhohlener Kritik quittiert. Die gewünschte Aufhebung der Anonymität hat eine rekordverdächtige Debatte bei badische-zeitung.de ausgelöst, weit über 420 Kommentare sind bislang zu diesem Thema erschienen. Und die meisten machen keinen Hehl aus ihrem Unmut.

Zwischen substanzlosem Geplänkel, Verschwörungstheorien und wüsten Beschimpfungen findet man dort durchaus gewichtige Argumente, die für eine Beibehaltung einer auf Wunsch anonym geführten Diskussion sprechen. Verwiesen wird etwa auf das unbarmherzige „Gedächtnis“ der Suchmaschine Google und ganz allgemein auf Datenschutz-Bedenken. Ist doch gerade in diesen Tagen – im Zuge der Computermesse CeBit in Hannover – die Diskussion um den Schutz persönlicher Daten im Netz neu und heftig aufgeflammt.

Wird nicht immer nachdrücklicher dazu geraten, mit der Preisgabe von Details aus der Privatsphäre zurückhaltender zu sein, fragen die Kritiker. Zudem schätzen nicht wenige engagierte Diskutanten im Netz den Schutz der Anonymität als eine Chance, gerade im lokalen und regionalen Bereich heikle Themen offener und offensiver ansprechen zu können – ohne auf etwaige negative Konsequenzen durch das soziale Umfeld Rücksicht nehmen zu müssen. „Die Privatsphäre mag auch vom neuen Chef in fünf Jahren, der sich per Google über seinen Bewerber informiert, bedroht sein, viel direkter ist sie aber von Leuten bedroht, die sich schon heute für das Geschriebene interessieren, also Nachbarn, Bekannte, Polizisten, etc.“, schrieb der User „lawandorder“ kurz vor der Umstellung auf Echtnamen auf badische-zeitung.de .

Fakt ist aber auch: Viele der Diskussionen im Netz befinden sich auf einem geradezu unterirdischen Niveau – nicht nur mit Blick auf die oft fragwürdige Argumentation, sondern auch was den Umgang der Forums-Teilnehmer untereinander anbelangt. Das Gepöbel hat mitunter solche Ausmaße erreicht, dass sich selbst Pioniere der Netzkultur gezwungen sehen die Notbremse zu ziehen – wie etwa unlängst das Technikblog Engadget, das die Kommentare zu einem Artikel über Apples neuen iPad schließen ließ, bis sich die Gemüter wieder halbwegs beruhigt hatten.

Besonders bedenklich sei, dass der rüde Umgangston oft die abschrecke, die eine Diskussion eigentlich bereichern könnten, meint Markus Hofmann, Ressortleiter von badische-zeitung.de. „Deshalb stellt sich die Frage: Wessen Freiheit beschneide ich eigentlich? Die des anonymen Heckenschützen? Oder desjenigen, der sich aufgrund des Tonfalls im Forum erst gar nicht traut, in die Diskussion einzusteigen?“ Auf die Kommentare und Foren ganz zu verzichten kommt für Hofmann dagegen nicht in Frage. „Dann hätten wir ein unvollständiges Produkt.“

Joël Gernet von der Online-Redaktion der Basler Zeitung bestätigt derweil, dass das Niveau der Diskussion seit der Umstellung auf Echtnamen dort besser geworden sei. „Mit einem Pseudonym schreibt es sich halt anders als ohne“, meint Gernet.

Allerdings bleibt das Problem, dass sich auch die Authentizität der sogenannten Echtnamen bislang nicht ohne großen Aufwand nachprüfen lässt. Wie ohnehin der Königsweg für eine angemessene Diskussionskultur im Netz noch nicht gefunden wurde. Vieles sei noch Versuch und Irrtum, gibt Markus Hofmann zu bedenken, doch er ist überzeugt: Auch via Internet werde es möglich sein, dass Menschen auf vernünftige Art und Weise miteinander ins Gespräch kommen.

Alexander Huber, DER SONNTAG, 7. März 2010

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