NullEinsund42

Weblog von Alexander Huber

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Ein ungeplanter Beginn oder: Der Krautchan-Hoax

März 15th, 2009 · 1 Kommentar

Eigentlich sollte dieser Blog (schon seit längerem) mit einem anderen Eintrag eröffnet werden. Doch im Zuge der Diskussionen um die mutmaßlich gefälschte Ankündigung des Amoklaufs von Winnenden habe ich ein wenig Material gesammelt, das ich hier vorstellen möchte. Der Hintergrund ist eine grausame, tragische und unvorstellbare Tat – das sollten wir bei allen Debatten nicht vergessen. Doch um den eigentlichen Amoklauf soll es hier gar nicht gehen – dazu wurde schon (viel zu) viel gesagt. Hier interessieren viel mehr die Irrungen und Wirrungen rund um den sog. “Krautchan-Hoax”. Eine für die Mediengesellschaft höchst interessante Geschichte. Letztlich geht es um die alte Frage nach Wahrheit und Täuschung -  in Zeiten des Internets.

Sensationen kann ich keine vorstellen, vielleicht aber das eine oder andere interessante Detail, das dem einen oder anderen so noch nicht bekannt ist. Unter anderem habe ich einige interessante Auskünfte von einem Mitglied des Krautchan.net-Adminteams (im Folgenden kurz K-Admin) bekommen. Nach wie vor gilt: Völlig gesicherte Erkenntnisse gibt es so gut wie keine – nur plausiblere und weniger plausiblere Vermutungen.

Nachdem auf der Pressekonferenz des baden-württembergischen Innenministers und der ermittelnden Behörden am 12. März gegen 12.45 Uhr als unmittelbares Ermittlungsergebnis der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde, dass der Amok-Täter Tim K. von Winnenden “seine Tat im Internet angekündigt” habe, tauchten im Web recht bald erste Zweifel an der Echtheit dieser Ankündigung auf. Schon gegen 13 Uhr gab es erste, zunächst nur vereinzelte Einträge auf Twitter. So schrieb Twitter-User New_Gatherer um 12.50 Uhr:

“German media is spreading news of an alleged announcement from Tim K. Internet community believes that it’s a fake from Krautchan”

und 54589 um 13.31:

“#krautschan hat nichts damit zu tun, die ganzen exklusiv-bilder sind fakes. nuff said.”

Bekanntlich sind diese Stimmen bald lauter geworden, die Polizei hat allerdings erst Stunden später – am Donnerstagabend – ihre eigenen Zweifel an der sog. Amok-Ankündigung eingeräumt. Wie am Sonntag bekannt wurde, haben angeblich die Betreiber von www.krautchan.net am Donnerstag von sich aus mehrfach vergeblich versucht, mit den ermittelnden Behörden Kontakt aufzunehmen, um sie auf die Fälschung hinzuweisen.

Nach dem baldigen Zusammenbruch des Krautchan-Servers haben die Betreiber zunächst einmal in einem relativ knappen Statement auf die Fälschung hingewiesen. Das Statement wurde, nach meinen Beobachtungen, zweimal erweitert. In der letzten Erweiterung, die noch gültig ist, da ich diesen Blog-Eintrag schreibe, haben sie den mutmaßlichen Original-Thread verlinkt (der übrigens schon vorher auf Download-Diensten wie rapidshare), und auch eine Email-Kontakt-Adresse angegeben, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich das Interesse der Medien an www.krautchan.net bis dato in so gut wie keiner direkten Kontaktaufnahme niedergeschlagen habe (was sich inzwischen geändert haben dürfte).

In besagtem Original-Thread lässt sich das Auftauchen des fraglichen (und fragwürdigen) Fakes genau nachvollziehen. Es ist der Post mit der Nummer 486231, eingestellt am 11. März um 16.57 Uhr. Man kann davon ausgehen, dass die Fälschung nicht mit einem Bildbearbeitungsprogramm à la Photoshop gemacht wurde, sondern mit einem sog. Browser-Plugin. K-Admin schreibt dazu:

“Das der Screenshot mit Hilfe eines Firefox-Browserplugins für Webentwickler erstellt wurde, ist inzwischen erwiesen worden. Hilfreiche “Investigativ-Blogs” von engagierten Surfern haben bewiesen, dass ein solchen Plugin verwendet wurde. Ebenso haben sie an Beispielen gezeigt, wie einfach man Seiten fälschen kann.”

In einem angeblichen Interview mit dem Fälscher (auf das später noch genauer eingegangen wird), wird das Tool Web Developer erwähnt. BTW: Solche Tools sind sehr nützlich, da man mit Ihnen Code von Intenetseiten quasi “in Echtzeit” bearbeiten kann (sehr nützlich für Web-Entwickler). Was dann noch zu tun ist, ist ein schlichter Screenshot. (Mehr zum Thema Web-Developer-Einsatz gibt es u.a. hier)

Den meisten Besuchern des besagten Threads, der sich nach Einstellen der Manipulation munter weiter spinnt, dürfte klar gewesen sein, dass es hier um ein Fake geht. K-Admin:

“Da solche Bildmontagen im Internet häufiger vorkommen und auch gerne auf einschlägigen Seiten verbreitet werden, war den Usern sofort klar, dass es hier um einen bösen Witz geht. Etwaige Gegenstimmen (wie z. B. 48656) sind wie der Fake-Starter mit den Gepflogenheiten vertraute Wichtigmacher, die sich an der allgemeinen Verwirrung erfreuen.”

Inwieweit es sich bei dem ominösen “Bernd” aus Bayern (der nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit vermutlich nicht tatsächlich Bernd heißen dürfte), der angeblich die Sache der Polizei gemeldet hat (respektive sein Vater), um einen eher naiven Besucher des Boards gehandelt hat, lässt sich nur schwer sagen. Allerdings wäre zumindest von den ermittelnden Behörden etwas mehr gesunde Skepsis zu erwarten gewesen. Schließlich dürften sie den Original-Thread bzw. das Image-Board insgesamt noch zu Gesicht bekommen haben. Oder etwa nicht? Die Gelegenheit jedenfalls wäre da gewesen, der Krautchan-Server lief ja noch (der letzte Eintrag in dem besagten Thread stammt vom 12. März, 10.56 Uhr). Man muss sich nicht mal besonders mit den Gepflogenheiten in den Subkulturen des Internets auskennen, um auf die Idee zu kommen, dass hier nicht alles für bare Münze zu nehmen ist. Entsprechend äußert sich K-Admin:

“Zu dem Thema kann desweiteren aus der Krautchan-Benutzerordnung (sinngemäß) zitiert werden: “Krautchan ist ein Ort der Satire. Wer hier alles bierernst nimmt, ist selbst Schuld” Was man bei genauerer Betrachtung auch schnell mitbekommt. Dem 17-jährigen Bayer als möglichem Neuling auf der Seite und leider auch den behördlichen “Experten” scheint das als Aussenstehenden wohl nicht ganz so klar gewesen zu sein. Wer mehr als drei Klicks auf Krautchan macht und sich die zehn Sekunden nimmt, unsere Reglementierung zu lesen, weiß, dass auf Krautchan auch mal Inhalte landen können, die an die Grenze des Geschmacks stoßen und auch mal schlichtweg erlogene Dinge als Fakten ausgegeben werden, um allgemeine Verwirrung zu stiften. Darauf weisen wir explizit in den Regeln hin. Vielleicht hätte man sich einfach mal zwei Minuten auf der Seite umsehen sollen, anstatt überstürzt eine Pressekonferenz einzuberufen, um den ratlosen Leuten da draußen schnellstmöglich ein Motiv für diese neue Amok-Tat präsentieren zu können.”

Zum Thema Imageboards im Allgemeinen und krautchan.net im Speziellen ist inzwischen einiges veröffentlich worden, auch wenn immer noch in diversen Medien die Mär vom Chatroom rumgeistert. Es sind auch Artikel erschienen, die die Nutzer dieses Boards in die subversive Ecke (oder noch Schlimmeres drängen wollen). Nachdem ich nun einigermaßen umfassend recherchiert habe und auch mit Nutzern des Boards per Email direkt Kontakt aufgenommen habe, halte ich derartige Pauschal-Verurteilungen für unangemessen. Aus der Ecke mancher Medien klingen sie auch eher wie eine gekränkte Reaktion darauf, dass man sich so leicht hat hereinlegen lassen. Sicher scheint dort manches jenseits der Grenze des guten Geschmacks zu liegen, das Wenigste erreicht aber auch nur ansatzweise die Schärfe eines harmlosen “Titanic”-Artikels. Vermutlich wäre man überrascht, wieviele Imageboard-User über eine gute Aus- und Allgemein-Bildung verfügen, studieren und ein breites Interessenspektrum aufweisen. Natürlich werden sich auch auf krautchan Idioten und Wichtigtuer herumtreiben. Um die zu finden, muss man sich aber nicht in ein Imageboard einklinken. Da reicht schon ein Ausflug in die Foren von SPON, Heise und Co.

Angesichts des Umstandes, dass täglich hunderte, wenn nicht gar tausende von Manipulation mehr oder minder satirischen Inhalts in diversen Image-Boards überall auf der Welt eingestellt werden, ist es kaum anzunehmen, dass der Urheber der sog. Amok-Ankündigung es darauf angelegt hat, irgendjemanden außerhalb des Forums-Umfeldes zu täuschen – geschweige denn Polizei, Staatsanwaltschaft und die gesamte Medienöffentlichkeit. K-Admin:

“Dass ein unbedachter Post in einem Randbezirk des Internets durch Zufallsverkettung ungewollt zu so einem Politikum aufgeblasen werden würde, war damals natürlich für niemanden abzusehen.”

Viele interessiert nun die Frage nach dem Urheber des Fakes – für die einen ist er ein Held, für die anderen ein geschmackloser Trittbrettfahrer. Im Blog Die Welt ist gar nicht so gibt es ein angebliches Chat-Interview mit dem Fälscher (dort D-Dorf-Bernd genannt), das sich inzwischen auch eines gewissen Interesses erfreut, wie man an der Zahl der Kommentare zu dem Blog-Eintrag ablesen kann (gestern Abend 0, heute Abend 14). D-Dorf-Bernd soll aus Düsseldorf stammen (daher der Name), wie auch andere Quellen berichten, die sich allerdings auch gegenseitig aufeinander beziehen könnten (Zirkelschlüsse sind im Internet bekanntlich nicht selten). Die Echtheit des Interviews kann ich natürlich nicht bestätigen, der Betreiber von Die Welt ist gar nicht so hat mir aber per Mail die Authetizität durchaus glaubhaft versichert:

“Das Interview mit D-Dorf-Bernd ist echt, insofern man bei einem elektronischen Dokument von einem Original sprechen kann. Es gab und gibt nur eine Person, die diesen Nickname führt und die ist den ursprünglichen Forenteilnehmern teilweise auch namentlich bekannt ist. Diese Person habe ich angeschrieben. Ich nenne keine Namen, verständlicherweise. Es gibt im Internet auch keinen Hinweis vom Nick- auf den Realnamen mehr, soweit ich weiß – die einzige Seite in dieser Hinsicht wurde von D-Dorf-Bernd betrieben und mittlerweile vom Netz genommen. Ich „kenne“ den Betreffenden online – wir haben uns nie gesehen, aber fast zwei Jahre im selben Forum geschrieben.”

Update: Inzwischen sieht die Startseite von krautchan wieder etwas anders aus – dort gibt es nun eine knappe Zusammenfassung des Geschehenen.

Update 2: Noch ein bisschen was zum Weiterlesen und Weiterschauen:

Nach Aussagen der krautchan.net-Betreiber war es (beschämenderweise) kein deutsches, sondern ein britisches Medium, das den direkten Kontakt mit Krautchan gesucht hat: die “Times” aus London. Geantwortet hat dort ein gewisser Tsaryu, mit dem ein lesenswertes Interview inzwischen auf nachgeblogt.de erschienen ist. Dort bekommen auch die eine Antwort, die sich noch immer nichts Genaueres unter einem Imageboard vorstellen können (und was es mit diesen Bernds auf sich hat).

Hier hat sich der mutmaßliche Fälscher, also D-Dorf-Bernd,  kurz selbst zu Wort gemeldet (noch unbestätigterweise).

Auf Youtube gibt es ein kurzes Video, in dem der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech auf oben erwähnter Pressekonferenz die (vorschnellen) Ermittlungsergebnisse vorträgt. Auf der PK soll er auch einen Screenshot des Fakes präsentiert haben, davon habe ich aber noch keine Bilder gefunden.


Tags: Allgemein

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Stefan // Mrz 16, 2009 at 06:47

    Ich kann Dir ebenfalls bestätigen, dass DER Bernd aus D-dorf ist ;-)

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