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Buchtipp: Digitale Paradiese

Juni 26th, 2009 · Keine Kommentare

Die Diskussion um Computerspiele tobt bereits seit geraumer Zeit heftig und sie wird noch heftiger werden, wenn die politisch Verantwortlichen – wie angekündigt – weiter ihre Pläne vorantreiben werden, so genannte Killerspiele zu verbieten. Ein Problem (von mehreren) in der Debatte ist sicherlich, dass ein Großteil der Gesellschaft (vor allem der ältere und Entscheidungen treffende Teil) nicht willens oder in der Lage ist zu erkennen, dass sich Computerspiele längst in den Reigen der Kulturgüter eingefügt haben. Bücher wie das von Andreas Rosenfelder,  “Digitale Paradiese – Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiel”, könnten dabei helfen, dass die Diskussion sachlicher und vor allem auf einem etwas höheren intelektuellen Niveau geführt würde als das bislang der Fall ist.

Ich habe das Buch erst unlängst per Zufall entdeckt und dann in einem Rutsch durchgelesen. Es gehört mit zu dem Gescheitesten, was ich bislang zu diesem Thema gelesen habe. Es ist nicht druckfrisch, aber doch erst 2008 erschienen und somit durchaus auch nach den Zeitmaßstäben der digitalen Welt noch aktuell.

Obwohl das Buch nur knapp 190 Seiten stark ist spannt Andreas Rosenfelder einen weiten und inspirierenden Bogen über die Welt der Videospiele. Er erläutert, wie sich die virtuellen Welten im Laufe der Jahre sowohl quantitativ als auch qualitativ immer weiter ausgedehnt haben, er führt den Leser an Orte virtueller Ödnis und erklärt, was das protestantische Arbeitsethos mit World of Warcraft zu tun hat. Der Autor gibt Einblicke in die neue Jugendszene der E-Gamer ebenso wie in die Entwickler-Studios, wo Computerspiele inzwischen mit gleichem (oder gar mehr) Aufwand produziert werden wie Blockbuster aus Hollywood. Natürlich spart Rosenfelder auch das Thema Gewalt in Computerspielen nicht aus – stammtischgerechte Parolen wird aber weder die eine noch die andere Seite so leicht finden, auch wenn der Autor durchblicken lässt, dass das Thema Gewalt nicht außen vor bleiben kann, wenn man Computerspiele als ernst zu nehmendes Medium begreift – so wenig wie es in Büchern und Filmen außen vor bleibt.

Andreas Rosenfelder gelingt das Kunststück kurzweilig und intelligent zugleich zu schreiben. Ein cleverer Kniff ist, dass jedes Kapitel als eine Mischung aus reportageartigen Einblicken in die Compurterspiel-Szene und klugen Reflexionen präsentiert wird. Da das Buch auch sprachlich überzeugen kann, hier noch ein paar Original-Zitate:

Im Digitalen gibt es noch unausgelotete Räume, während das analoge Universum gealtert, immer öfter verbraucht und abgenutzt erscheint – fast wie ein altes Telespiel, das schon ein paarmal zu oft durchgespielt wurde.

Dass jedoch auch im Innersten der verzauberten, wild-romantischen Sagenwelt von World of Warcraft das protestantische Leistungsprinzip den Takt vorgibt, lässt sich an der wichtigsten Form des Weiterkommens in diesem Universum ablesen – nämlich dem “Hochleveln” der eigenen Spielfigur [...] Das Hochleveln ist in dieser von kitschiger Poesie durchdrungenenen Welt eine äußerst prosaische Aufgabe, die einem ganz auf Effektivität ausgerichteten Kalkül folgt.

Man will von elektronischen Spielen gar nicht groß geschult oder verbessert werden. Sie gehören zu jener Kategorie von Beschäftigungen, die genau dadurch nützlich sind, dass sie unnütz sind, und die dadurch für das Leben vorbereiten, dass sie sich vom Leben abwenden.

Vielleicht sind solche Erfahrungen von Angst und sinnlosem Schrecken, anders als es sich die Ausbilder beim Militär vorstellen, ein ganz normaler Teil jeder Sozialisation. Und vielleicht muss man froh sein, dass heutige Bildschirmkrieger die Erlebnisse, die andere, tragischere Generationenkohorten im echten Gelände machen mussten, im Umfeld der elektronischen Unterhaltung durchlaufen, wo sie – von pathologischen Ausnahmen abgesehen, wie es sie auch zu Zeiten der Zinnsoldaten gegeben hat – ohne schlimmere Folgen bleiben.

Wir müssen immer neue Runden spielen, bis in den Morgen, und wir brauchen dabei keine Angst zu haben. Denn wir werden den sonderbaren und verzauberten Zweitglobus der digitalen Spiele niemals mit der echten Welt verwechseln, in der wir leben.

PS: Ein Interview mit Andreas Rosenfelder ist in der Netzeitung zu lesen.

Tags: Allgemein

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